En pater noster vor alle cristen seelen![2]

Aus diesen einfachen Versen spricht das religiöse Empfinden, das jeden vor Beginn einer größeren, mit Gefahren verknüpften Reise veranlaßt, für sein künftiges Seelenheil zu sorgen. Man darf jedoch die Unsicherheit der Land- und Wasserstraßen nicht übertreiben. Es lauerten weder an jeder Straßenecke oder in jedem Walde Räuber auf, noch verbargen sich hinter jeder Klippe oder in jeder Bucht Vitalienbrüder. Die Regel bildete das sichere Vollbringen der Fahrten. Von ihnen wird nicht viel gesprochen. Ohne das glückliche Vollenden vieler Fahrten wäre ein so reger und ständig wachsender Handelsverkehr nicht möglich gewesen. Mehr sprach man von den Reisen, die durch Raub und Plackerei betroffen wurden, und umfangreiche Schriftstücke in den Archiven der Städte beweisen, daß man mit vieler Umständlichkeit Beschwerden zu Papier gebracht hat. Der hansische Kaufmann reiste gern. In das Einerlei des Tages brachte die Fahrt willkommene Abwechslung. Nach der Heimkehr erwartete den jungen Kaufmann die Pflicht des Tages. Er mußte mitwirken in der Schreibstube, in den Räumen des Hauses oder auf den Kaufhöfen. Einerlei, ob er in das väterliche Geschäft eintrat oder sich selbständig machte. Spärlich ist die Auskunft über diese Tätigkeit; und in den Handelsbriefen und Handelsbüchern jener Epoche des deutschen Handels wird wenig darüber berichtet. Bildliche Darstellungen von den Meistern jener Zeit wissen uns mehr zu erzählen. Sorgen aller Art haben auch damals den Kaufmann bedrückt. Der Durchschnittskaufmann jedoch überarbeitete sich nicht. Das Hasten unserer Zeit, Telephon und Telegraph kannte er nicht, und reiflich und langsam überlegte er seine Geschäftsabschlüsse. Man erhob sich zwar früh aus den Federn, um der Frühmesse beizuwohnen. Dann kam das gemächliche Verzehren der Morgensuppe, dann die Arbeit oder die Ratssitzung, und wenn sich zur Mittagszeit der Hunger wieder einstellte, so gab’s nach dem Essen eine längere Ruhepause. Des Nachmittags ging man wieder den Berufsgeschäften nach, um zwischen vier und fünf Uhr zu vespern; damit war dem Arbeitstage sein Ziel gesetzt, und nur in eiligen Zeiten, wenn die Arbeitsmenge sich häufte, so zum Beispiel bei der Ankunft oder vor der Abfahrt von Flotten, wird sich mancher Kaufherr noch einmal des Abends in seine Schreibstube verfügt haben, um die Geschäftspapiere zu erledigen.

Der Artushof in Danzig.
Nach einer Aufnahme der Kgl. Meßbildanstalt in Berlin.

Das Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.

Das Leben war im Mittelalter bis in das 15. Jahrhundert hinein arm und hart, und erst in einer Zeit, da von Italien der Prunk und Anspruch nach Deutschland vordrangen, wurde die Lebensart eine andere. Das Haus und seine Einrichtung dienten bis dahin in erster Linie den geschäftlichen Zwecken; für das Familienleben blieben nur enge und unbehagliche Räume. Erst mit dem 15. Jahrhundert begann hier ein Wechsel einzutreten, da zu dieser Zeit in norddeutschen Städten die Verwendung der Glasscheiben ihren Eingang fand. Aus dem Grunde ist es erklärlich, daß die Bewohner jener Zeit den Trieb nach Geselligkeit außerhalb des Hauses befriedigten und in Klubhäusern und Ratskellern ihre Zusammenkünfte pflegten. Die Artus- und Junkerhöfe, Seglerhäuser und Schüttinge, Bursen und Säle, unter welchen Namen diese Versammlungs- und Trinkhäuser ihren Zwecken dienstbar waren, sahen namentlich in den Wintertagen und nach des Tages Last und Hitze trinkfrohe Kreise in ihren Räumen versammelt.

Ein bemerkenswertes, eigenartiges und noch in unserer Zeit viel aufgesuchtes Versammlungshaus aus den Tagen der Hanse bildet das Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.

Doch treten wir ein! Eine große Diele umfängt uns. Immer von neuem übt dieser Raum auf den Besucher seine Wirkung. Wie wunderlich ist er, und doch wie charaktervoll! Hier weht Seeluft. Wie der Seemann selbst in alter Zeit war, so ist auch sein Vereinslokal, behäbig, derb und voller Erinnerungen; und wie den Seemann erst ein längeres Verweilen und das Eingehen auf seine Worte veranlaßt, sich dem Gaste zu erschließen und sein ‚Garn zu spinnen‘, so lösen sich auch hier erst allmählich und nach einigem Verweilen aus der Dämmerung des Raumes die ‚Erinnerungen‘, jene sonderbaren Dekorationsstücke, die, in Jahrhunderten aus aller Welt zusammengebracht, den Raum bis in die fernsten Winkel füllen. Von der verräucherten Decke hängen die alten Schiffsmodelle herab, dazwischen prangt der mächtige Messingkronleuchter. Alte Heiligenstatuen bemerken wir an den Schränken, Bilder an den Wänden, Kränze und Teller auf den Borden. Jedes Stück hat seine Geschichte. Zwei große Bilder an einem Pfosten stellen den ‚Adler‘ dar, jenes gigantische Lübecker Admiralsschiff vom Jahre 1567. Das Gestühl an der südlichen Wand trägt als Wappen zwei gekrönte, gekreuzte Bootshaken. Dies ist das eigentliche Wappen der Schiffergesellschaft. Auf den Lehnen der übrigen ‚Gelage‘ in der Mitte des Raumes erblicken wir die Wappen der Bergenfahrer: ‚Gekrönter Stockfisch‘ und ‚Halber Adler‘, der Rigafahrer: ‚Burg mit gekreuzten Schlüsseln‘, und der Revalfahrer: ‚Drei Leoparden‘.

Hier fanden sich die Schiffer nach den Gesellschaften zusammen, denen sie dienten, und hier trafen sie am ehesten gute Bekannte. Aus dicken Eichenplatten ist das Gestühl gezimmert, derb wie der Seemann, der einst darauf saß. Am Tische der Älterleute, dem sogenannten Beichtstuhl, finden wir wieder das Wappen der Gesellschaft, die gekreuzten Bootshaken. Die Hausordnung stammt aus dem Jahre 1580. Ohne Umschweife ward hier verfügt: