[Schlußwort.]
Einen ungewundenen Richtpfad durch das Labyrinth altindischer Säulenformen haben wir in den vorausgehenden Betrachtungen gefunden; feste Grundzüge der Entwicklung leuchten durch den vorerst verwirrenden Schleier einer phantastischen Dekoration. Die einzelnen zu vollen Begriffen abgeschlossenen Bildungen halten sich sehr konservativ im Säulencharakter. Wenn nun auch rituales Gesetz die Tradition einmal sanktionierter Motive gefestigt haben mag, so liegt der Hauptgrund dieser Erscheinung doch wohl darin, daß der Hindu eine organische Logik als Lebensbedingung gedeihlichen Weiterschreitens erkannt hatte und zu wahren bedacht war. Welcher hohen künstlerischen Selbstzucht es aber hierzu benötigte, läßt sich schon aus vorliegendem Essay zu gewissem Grade ermessen. Immerhin gibt ähnlicherweise, wie in der altindischen Literatur die Poesie auf die abstraktesten Wissenszweige bedeutsam hinüberspielt, in der Architektur mehr ein freies Gefühl für die Harmonie der Verhältnisse, ein sicher disponierender Blick den Ausschlag als konstruktives Gesetz.
In solchem Sinne ist des besonderen der tausendjährige Säulenstammbaum aus selbständiger Formenwelt heraus erstanden. Einzelne persische Teile, deren wichtigsten die Glockenform des Kapitelles darstellt, sind zwar in der Grundlage dieser Entwicklung enthalten, doch setzt hier unmittelbar jener eigen indische Schaffensgeist ein, dessen Pulsschlag in den Jahrhunderten n. C. besonders fühlbar wird. So darf mit vollem Rechte das abschließende Urteil, welches Adamy für seine geistreich und begeistert geschriebene Abhandlung[21] über altindische Architektur Babu Rájendra Lála Mitra's »Antiquities of Orissa« entnimmt, auf die altindische Säule spezialisiert werden:
»Sie hat ihre eigentümlichen Linien, ihre eigentümlichen Verhältnisse, ihre eigentümliche Formensprache: sie alle tragen das Gepräge eines Stiles, der ausdrückt, was das Volk, welches ihn in seiner Eigenart bestimmte, dachte und fühlte und meinte, und nicht, was ihm durch Fremde an Glauben, Farbe und Rasse zugetragen war. Abgesehen von wenigen unbedeutenden Ornamenten dieses Stiles sind seine Fehler und seine Verdienste seine eigenen, und die verschiedenen Formen, die er in den verschiedenen Provinzen angenommen hat, sind alle Modifikationen oder Umwandlungen einer einzigen und ursprünglichen Idee nach lokalen Verhältnissen.«
[Verzeichnis der Abbildungen]
mit Angabe der Quellen.