Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug von Semitismus haftete ihm an – deswegen war er kirchlich.
„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“
„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“
„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist.“
„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich [pg 360]und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben dagegen.“
Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen auch stets wieder mit derselben Jovialität. Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.
Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine persönlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauen[pg 361]zimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten musste man unbarmherzig sein, während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann lieber nach der andern Seite zu sündigen, die Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte.
Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geärgert. Er fand den Fremden im Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.
„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. „Sie predigen den Communismus?“
„Was mein ist, ist meines Bruders.“