„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.
Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden herab. Nun ja, das jetzige System war dumm.
Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter, mit der Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er auch arretirt worden.
„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und trank und ergab sich in sein Schicksal.
„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser Dummheit.“
Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.
Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau [pg 375]im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die Vernunft?“
Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – was ist Vernunft?“