Zwei Handwerksburschen zogen auf der Chaussee entlang. Es waren Arbeitslose. Der Eine war ein Böttchergesell aus Greifenberg in Pommern, der Andere zog schon seit lange so. Er hatte Drechseln gelernt. Aber das Handwerk warf nichts ab; vielleicht war ihm auch nach und nach die Gewohnheit der regelmässigen Arbeit verloren gegangen. Er war der bedeutend Aeltere. Die Beiden hatten sich in der Herberge zur Heimath in Bernau kennen gelernt und zogen nun auf Berlin zu, die grosse [pg 5]Metropole der Arbeit und des Verdienstes, um da ihr Glück zu versuchen.
Der Jüngere war ängstlich; dennoch voll guter Hoffnungen. Er begriff es nicht, dass ein Mensch, der arbeitsam und mässig war, arbeiten wollte, keine Arbeit finden sollte. Er glaubte an ein vorübergehendes Missgeschick. Berlin sollte ihm Glück bringen, obwohl es ihm Furcht einflösste.
Er war ein Junge, der zu Hause aus ganz kleinen, aber geordneten Verhältnissen kam. Sein Vater war beim Torfstechen ertrunken. Er hatte für die Mutter und drei kleine Geschwister mitsorgen müssen; alles das hielt sich über Wasser, lebte sehr respektabel. Er war ein Kind geblieben, mit runden, erstaunten Augen, die vergebens den Nebel zu durchforschen schienen, etwas ängstlich vor dem Gefährten an seiner Seite, aber doch gefügig gegenüber dessen grösserer Welterfahrung, beeindruckt vom Cynismus seiner Reden und Handlungen.
Der war ein ziemlich wüster Gesell, der durch die halbe Welt gerollt war. Man wusste nicht, woher er kam, und er sprach nicht davon. Seine Papiere wiesen allerlei Bestrafungen auf, für Diebstähle, Widersetzlichkeiten. Das hatte ihn nicht [pg 6]gebrochen. Es lag Hohn und Trotz gegen die Gesellschaft in seiner Art, das Bewusstsein eines Ichs, der Kraft, in diesem Menschen, der mit klaffenden Schuhen über die Landstrasse stapfte, Hass gegen die Kälte, der er den Alkohol entgegensetzte, den brennenden Rausch, der besser hitzt wie Feuer.
Ein gewisser Galgenhumor kam über ihn, während sein Gefährte ängstlich in seine blaugefrornen Finger pustete, die besten Stellen im Matsch aussuchte, um seine Füsse zu schonen, vor allem die Schuhe, die trotzdem schon barsten, Wasser einliessen, das sickerte, quietschte zwischen den Sohlen.
Der Kumpan sah es mit gutmüthigem Spott: „Gieb’s nur auf, kleiner Richard! Das nützt Dir nichts. Das frisst sich durch Pelz und Wolle, um so mehr durch Lumpen und Löcher. Dagegen giebt’s nur eins!“
Er bot dem Andern die Flasche, die der ängstlich zurückwies. So leerte er sie selbst auf einen Zug.
„Das giebt wenigstens Muck! Das ist die einzige vernünftige Erfindung in diesem elenden Hundedasein. Sie sagen, der Teufel hat sie ge[pg 7]macht. Mich dünkt, der Teufel, das ist der einzige wahre Heilige in der ganzen Muschpoke. Er ist mein Schutzpatron. Es lebe der heilige Satanas!“
Der Kleine sah sich scheu um, ob Jemand die Lästrung hörte. Er war fromm erzogen, gewohnt in die Kirche zu gehen des Sonntags. Die Mutter sass da und die andern alten Weiber in schwarzen, gehäkelten Kopftüchern mit dem goldbedruckten Gesangbuch. – Es war hart, dass man keine Arbeit fand. Aber er vertraute auf Gott. Und Berlin war nah, wo Tausende arbeiteten und assen. Sehr müde war er und weit konnte es nicht mehr sein.
Es war, als ob Fritz Kuhlemann seine Gedanken errieth: „Ja, das ist fein, nach Hause zu kommen, wenn Einem die Olle schon in der Thür entgegenläuft! Der Junge hängt sich uns an den Rock. Auf dem Tisch dampft ein guter Happenpappen. Die Stube ist schon abgeschlossen, weil da der Christbaum steht. – So gut wird’s uns nicht bei meinem Freund Matzke. Eine fidele Bude, und Mädels auch die schwere Menge! Ich möchte wissen, ob die rothe Lene noch da ist?“ ... Er vertiefte sich in diese Erinnerungen, Saufgelage, [pg 8]Prügeleien, Dirnen,... während der Andre neben ihm hertrottete. Er war sehr müde. Er hätte am liebsten geweint, aber er schämte sich.