Der Johannes ging auf der andern Seite. Er hustete. Er war ganz selig im Gedanken an diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrückt hatte, der so gut sprach, eine Stimme war, auf die man hörte, für die armen Leute. Die gebildeten, sachlichen Sätze hatten ihm imponirt. Sicher! [pg 58]Das wandte sich zum Bessern, wenn einfache Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! Er trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. Mehr konnte er nicht thun. Aber das Blut seines Herzens war darin. Er fühlte seine Lungen brennen und flattern unter ihr.

„Es ist immer am schlimmsten des Abends,“ entschuldigte er sich.

„Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen im Saal. Es strengt auch die Stimme an, wenn man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden gesprochen. Das ist bewunderungswürdig für solch’ einen Mann!“

Er war rührend in seiner Zärtlichkeit für diese Stimme, den Mann, der sprach, während er nur husten konnte, unnütz sein Blut ausspie, in das Taschentuch, das sich färbte, klebrig wurde zwischen seinen dünnen, fiebernden Fingern. Sie waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von aussen durch die harte Arbeit, roher, oberflächlicher, als durch die Krankheit von innen, die sie zehrte, fein machte, spiritualisirte.

„Wir werden es ja nie erleben,“ sagte er friedlich. „Aber die Andern, die nach uns kommen! Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag. [pg 59]Sie können nicht mehr an gegen uns. Dann wird Alles gut sein. Wir werden die Gesetze machen. Es giebt keine Kriege mehr. Alle Völker sind Brüder. Man arbeitet. Man lebt“ ... Er hustete heftiger wieder, sich abwendend, um den Andern den Anblick seiner Schwäche zu ersparen.

„Ich – ich hasse die reichen Leute nicht. Sie wissen es nicht besser. Es sind Viele, die es gut meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht ganz von selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. Die Soldaten sind ja auch auf unsrer Seite. Nur Zeit braucht’s. Man hört. Man liest Bücher. Die Vernunft muss ja ihren Weg finden. Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die Religion gehabt, den Aberglauben. Die Menschen sehen jetzt, wie es wirklich ist. Man kommt vorwärts. Man bildet sich. Alles geht gut. Die Gerechtigkeit muss aufkommen.“

Alle diese kleinen Sätze sagte er ruhig, sanft, ohne Aufregung, von Hustenanfällen unterbrochen, die ihn quälten, seinen Körper schmerzhaft zusammenkrümmten, wie aufgespiesst an einer glühenden Nadel.

Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwärts. Es trieb sie ohne ihren Willen. Vielleicht wussten [pg 60]sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen her, enorm wie eine wandelnde Glocke. Einige hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von Geld: „Wenn man dreissig Pfennige die Stunde verdient, aber fünfundvierzig müsste man haben.“ Ein junges Mädchen trug einen grossen Carton. Sie trippelte und sah hinter sich nach drei jungen Burschen, die sich lärmend stiessen.

Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene Dotterflecken, schaukelnd. Der Schmutz mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine bräunliche, zähe Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr dicht am Trottoir, als ob der Kutscher Kunden suchte. In den Destillationen discutirte man oder spielte Billard. Man sah die grauen Hauswände feuchtigkeitstriefend mit Ladenschildern und Plakaten, Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit müden, geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie verwischt, unruhig, in Schatten ...

„Man müsste es machen wie die Thiere,“ sagte der Anarchist. „Thiere sind klüger wie Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen Staat. – Aber es giebt auch eine Seele. Ich habe Todte gesehen, die wiedergekommen sind und mit [pg 61]den Händen in der Luft zeichneten. Nun, ich habe die Königin Luise gesehen. Sie ist zu mir gekommen am Weihnachtsabend und hat mir eine weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. Sie kommt oft zu mir. Der Kaiser Friedrich kommt auch, und Napoleon und der Kaiser Alexander. Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber sie kommen.“