Gerade über die Wiese kam sie, zu der Quelle, wo der Fremde sass.

Sie seufzte. Gegenüber am Brunnen sass der Fremde. Und sie sah ihn nicht.

Sie hob die Augen auf und sah ihn.

„Warum bist Du unglücklich?“ fragte der Fremde.

„Ich bin unglücklich, weil ich glücklich bin. Ich habe Alles, was die Menschen Glück nennen. Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe einen Mann, der mich anbetet, gute Kinder. Doch bin ich unglücklich. Ich gehe zu diesem Brunnen, um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich auflöst in dem der Natur, der über diesem Ort lagert. – Warum ist sie unglücklich?“

„Weil sie sterblich ist und vergänglich.“

Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige der Weiden rauschten auf wie leichte, faltige Frauengewänder und fielen zusammen. Der Hund schob liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die Felder trug der Wind die Klage der Weiden und geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte das Wasser. „Sind wir es nicht auch? Vergänglich und sterblich? Der Tod ist in Allem. Das Schöne hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. Der Tag unsrer Kraft ist der unsrer Güte. Wenn [pg 84]wir krank sind, sind wir selbstsüchtig, schlecht, Andre quälend und gequält von ihnen. Aller Anstrengung Ende ist der Tod.“

„Es giebt etwas über dem Tod,“ sagte der Fremde.

„Es giebt etwas,“ sagte sie in sehr tiefen Gedanken. „Ja, es muss etwas geben. Man denkt nicht daran, wenn man glücklich ist. – All’ diese Tiefen – diese Schmerzen! Diese Schmerzen müssen unsterblich sein.“

„Die Schmerzen sind unsterblich.“