Die Frau Superintendent hatte schon mehrmals [pg 148]merklich und merklicher an die Thür geklopft. Jetzt steckte sie ihre Haube selbst durch den Spalt. „Excellenz von Koschemann ist für den Bazar gekommen. Wenn Du einen Augenblick Zeit hättest, lieber Willibald ...“
„Auch ich bin ein Soldat des Herrn. Sehen wir zu, dass wir gut kämpfen. Und das Heil finden, das es für uns nicht giebt, denn allein im gesegneten Blut des Lammes dereinst, das unsre Sünden abwäscht weiss wie Schnee.“
Der Fremde war entlassen.
Der Confrater sah ganz klar. „Gnostiker, die alte Geschichte. Das hat immer angefangen mit der Antastung des Buchstabens. Der Buchstabe, mein Freund! Das Wort sie sollen lassen stahn! ... Und jetzt lass uns zu unsern liebenswürdigen Damen gehen.“
Das neunte Kapitel.
Und er ward im Geist entrückt in eine fremde Stadt.
Die Glocken läuteten. Eine ungeheure, unzählbare Anzahl von Glocken. Es waren dumpfe, grosse darunter, die mit der Stimme des Erzes riefen, der Kanonen, furchtbarer Ereignisse, Krieg, Pest und Feuersbrunst. So stark riefen sie, dass Niemand ihren Klang in der Nähe aushalten konnte, die Luft ihn lange behielt, ehe er verhallte. Sie schwangen in furchtbaren Höhen und thronten einsam in Kammern weit über den Köpfen der Menschen. Die ihre Stricke bewegten, sassen sehr niedrig auf schwebenden Balken und wurden beinah gespalten von der Heftigkeit des Klanges. Diese Glocken läutete man nur bei ganz grossen Gelegenheiten. Wenn sie klangen, sahen die Leute [pg 150]auf und sagten: Es ist das oder das. Sie meinten ein sehr hohes Fest, ein grosses Unglück oder eine grosse Freude. Die ganze Stadt und das Land ringsum kannte den Klang dieser Glocken. Man war stolz darauf und fürchtete sie auch.
Andre waren milder, mittlere. Die läutete man alle Sonntage. Man hörte sie auch weit, über ein ganzes Stadttheil oder eine Strasse. Ein Klang von Silber war in ihrem Erz, der sprach von Güte und Milde. Sie lockten, und schreckten nicht, läuteten regelmäßig mit kräftigen, hallenden Schlägen, wie die Stimme eines Predigers, die klangvoll spricht in schönen, malenden Worten.