Die Augen des Sterbenden waren weitgeöffnet. Ein Ausdruck des Schreckens lag darin, und Brennen, als ob er sähe und Furcht hatte. Er phantasirte: [pg 166]„Hast Du die Frauen gesehen, wenn sie zur Kirche schreiten? Ihre Hacken schlagen kurz auf und ihre Hüften tanzen unter den runden Röcken, die der Wind hin- und herschlägt. Wenn der Sechzehnender durch das Unterholz bricht und der Stolz des Waldes ist in seiner keilenden Brust! Hei! Der Zug der Burschen, der zum Schützenfest zieht. Alle Fiedeln spielen auf und die Schenkel stampfen. Wie Herrenblick, der zwingt, trifft der nie fehlende Bolzen. – Ich sage Dir, es ist nichts, was über des Weibes Anmuth geht, denn ihre Falschheit! Wie ich sie geliebt habe und wie ich sie hasse! Ihre Augenbrauen, die wie Bögen der Krönung sind, darunter triumphirende Heere einziehen. Ihre Augen locken und ertränken wie der wilde Bergsee. – Das ist roth – roth Alles – vor meinen brennenden Augen!“
Der kleine Priester strich mit der Hand über die Augen. Sie schlossen sich. Sie brannten nicht mehr.
„Ich habe die Erde gerochen am Frühlingsmorgen, wenn sie dampfend aufbricht, ehe der Tag kommt. Tausend Würzbäche strömen, wo die tausendjährige Edelfichte krachend niederschlägt. Gefährlich wie Blutdunst ist der umnebelnde Duft [pg 167]des Weines, der zu Kopfe steigt und die Fäuste straff macht. Aber der Frauen Athem ist röther wie Blut. Wie Weizenacker frisch geöffnet ist der Leib des Weibes. – Es ist die Schwüle der Sommererde, die die Todten nicht schlafen lässt.“
Er strich mit der Hand über die Nasenlöcher. Leise fuhr der tröstende Finger die zitternden, hastenden Nüstern entlang. Der Geruch war fort.
„Hast Du auf Deinen Lippen ihre Küsse gefühlt? Wenn sie schwören und lügen. Worte, die fallen wie der Wasserfall, lieblicher denn Nachtigallentriller. – Worte! Worte! Worte!“
Er strich über die Lippen und sie schlossen sich. Sie wurden stumm und weich.
„Ich habe sie mit meiner Hand gehalten. Ich lasse sie nicht. – Wenn man das Messer sehr fest packt und rothes Herzblut springt herüber ... Weisst Du, dass ich mein Messer unter meiner Hand hatte? Sie haben mir gesagt, dass ich das Holz sprechen machen konnte, die Saiten riefen unter meinen Fingern wie mit Menschenstimmen. Ich will spielen. Sie sollen tanzen. Sie sollen lachen und schreien. Ich will den Ton finden, der die Todten tanzen macht. Die Todten haben Knochenhände und lassen nicht los.“
Die gekrampften Finger lösen sich unter den andern streichenden, gleitenden. Die Hände fielen. Sie lagen ruhig und straff.
„Meine Füsse tragen mich nicht mehr. Aber sie haben mich getragen durch die Nacht. Im Tanze. Wer kann tanzen wie ich, der Spielmann Anderl! Wenn der Boden knackt, die Dirne hoch anfliegt zur schwelenden Decke. Ich kann springen! Der Teufel ist in meinen Füssen. Ich springe mit dem Teufel zur Hölle!“
Er berührte die Füsse an ihren Sohlen. Er salbte den rechten. Er salbte auch den linken. Die Füsse lagen still.