– – – – Und doch ist auch sie keine Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht, die schon drei Winter ausgegangen sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte, hat einen Fleck darauf zurückgelassen.
Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige Felswand gedrückt, blass und zitternd mit ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnässte wie ein Lümpchen.
Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte, Schrittchen für Schrittchen an meinem langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher durchsteuern durch das ängstliche, riesige Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber derjenige, dessen man sich am häufigsten und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schützen, das Einen mit einem Lächeln um den winzigen Finger wickelt.
Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises – allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen [pg 8]Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde – etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. – Wie ich den Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die Mutter, die echte deutsche Frau, blühend, mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde – ich hasse Abkürzungen. Ich nenne sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder [pg 9]gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen, blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes. Ich schwärme für schönen Teint bei Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld.
Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben. Blatt für Blatt möchte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche Aufgabe!
Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen [pg 10]von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krückstock ausging, dass ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? Meine Aufgabe wird es sein, sie einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt, wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer liebevoller Brust!
Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist. Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen, unheimatlichen Orten unter ungenügender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen können. Ich habe meine ländliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. Und wenn Ihr mich nachher als [pg 11]„reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen Kursen, mit Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste Freundin ist die Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr liebliches, beständiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich rührend diese Einfalt gerade ist! Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
Lache über mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf über den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem sechzehnjährigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine Krone, eine Erlösung!
Ich bin glücklich! Dein Achim.