– Ja, Federn trugen sie wohl, aber nur keine Gänsefedern, hahaha! lachte die Stahlfeder trotz ihren Schmerzen. Unser Geschlecht dahingegen hat schon, so lange es Krieg giebt, das Vaterland mit Ehren vertheidigt.

– Und das unsre hat einst das Kapitol gerettet! Mit uns Gänsefedern hat Luther die Bibel übersetzt; wir haben die Weltgeschichte geschrieben, Schiller und Göthe haben mit uns ihre unsterblichen Werke gedichtet, ehe man an Euch Stahlfedern dachte! rief der Gänsekiel, seine Fahne aufblähend.

Da aber fuhr gerade ein Windzug durch das Zimmer, faßte den leichten Gänsekiel und wehte ihn zum Fenster hinaus. Die Stahlfeder hingegen ließ er ruhig liegen, denn die war wohl ein halbes Loth schwerer als der Gänsekiel.

Und wie erging es nun der armen Gänsefeder?

Als sie unten auf der Straße ankam, schritt gerade ein Spielzeughändler vorüber, der sah sie flattern und auf die Erde fallen; er nahm sie auf und besah sie mit Wohlgefallen.

– Du kommst mir ganz gelegen! sagte er, die Feder zu sich steckend, und trug sie nach Hause.

Hier schnitt er sie mitten durch, machte aus dem unteren Theil einen Zahnstocher und legte diesen zu den übrigen, welche er zum Verkauf in seinem Laden hatte; den oberen Theil aber bemalte er mit den schönsten Farben und steckte ihn an einen Federball.

Die arme Gänsefeder verspürte zwar viel Schmerz, als sie so mitten durchgeschnitten wurde, aber sie fühlte doch, daß sie hiedurch ihrer Bestimmung näher komme und tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie jetzt etwas Höheres werde.

– Es ist doch merkwürdig, sagte sie zu sich selbst, wie hoch Mancher steigt, während Andre, z. B. ordinäre Stahlfedern, immer bleiben, was sie sind. Das liegt aber an der Erziehung. Was wird meine bisherige Kollegin Augen machen, wenn sie mich so vor ihrem Fenster hoch in die Luft fliegen sieht! Jetzt bin ich wirklich etwas Höheres!

Ganz ebenso dachte der untere Theil der Gänsefeder, der nunmehrige Zahnstocher.