– Wie ist mir denn? rief sie. Bist Du es wirklich, Steffen? – – Und dieses Licht hier? – Ist es denn wahr, was mir träumte? – Zwei Engel sah ich kommen, sie trugen einen Christbaum und schöne Geschenke, und der Eine trat an die Krippe hier und legte heilend die Hand auf meines Kindes Brust! – – Ja, ja, es ist wahr! Es lebt! jauchzte sie, nahm das lächelnde Kind aus der Krippe und drückte es an die Brust. – – Es ist wahr, Steffen! rief sie, das Kind in seine Arme legend. Der Heiland ist geboren, er hat mir auch mein Kind nicht sterben lassen!

Und während sie Alle die Christbescheerung anstaunten, trat der Pfarrer hinter dem Christbaum hervor, denn er war es, der durch seine beiden kleinen Töchter die Weihnachtsbescheerung gesandt, er war es, der den wilden Steffen an den Stufen des Altars hatte hinsinken sehen, er war es, der seine Knaben festlich gekleidet und sie zu dem Vater in die Kirche geführt hatte.

– Christ ist geboren, sagte der Pfarrer, und Er will, daß er heute auch in der kleinsten Hütte nicht fehle. Wo er aber zum ersten Male eingekehrt, das ist in Eurem Herzen, Steffen; wahrt ihn dort wohl, denn Ihr wisset, es ist im Himmel mehr Freude über einen Sünder, als über neun und neunzig Gerechte! –

Und der Dornbusch schaute noch immer ins Fenster, es rauschte vor Freuden in seinen Aesten, und wie es der Kreuzdorn in jeder Christnacht thut, trieben seine Zweige purpurrothe Augen, die weinten blutige Thränen in den Schnee.

Am andern Morgen aber ging Steffen mit Weib und Kindern zur Kirche; und die Leute des Dorfes gingen in Festkleidern an dem Dornbusch vorüber, und als sie den Schnee unter ihm gleichsam mit rothen Perlen bestreut sahen, riefen sie:

– Seht nur, der Kreuzdorn hat in der Nacht rothe Blüten getragen!

– Ja, antwortete der Kreuzdorn, denn Christ ist ja geboren! Wir Dornen, wir wissen es, denn wir haben ihn ja im Tode gekrönt, und Ihr Menschen, Ihr müßt es auch wissen, denn er ward ja für Euch gekreuziget.

Der Kalendermann.

Jetzt muß ich Euch schnell noch ein Neujahrsmärchen erzählen; hört also zu:

Ihr kennt doch Alle den Kalendermann, der immer schon ein ganzes Jahr voraus den Kalender macht und darin das Wetter bestimmt, ehe der liebe Gott noch an dasselbe gedacht hat, welcher übrigens dem Kalender zu Liebe das Jahr hindurch auch nicht einen einzigen Regentropfen mehr oder weniger fallen läßt, als er für gut hält. Der Kalendermann thut den ganzen Tag hindurch nichts Andres, als daß er Sonne, Mond und Sterne betrachtet und aus ihnen seine Prophezeiung macht. Er wohnt ganz oben auf dem Dach eines großen Hauses, das man die Sternwarte nennt, sein Zimmer hat Fenster rund herum, damit er nur ja nach allen Seiten ausschauen kann, und vor dem einen derselben steht ein riesengroßes Fernrohr, das aussieht wie jene Sorte von Kanonen, die man Feldschlangen nennt.