Der Kampf der Mutter.
Es ist unmöglich, sich ein mehr verlassenes und verlorenes menschliches Wesen zu denken, als Elisa in dem Augenblicke war, wo sie ihre Schritte von Onkel Tom's Hütte abwendete. Ihres Mannes Leiden und Gefahren, die Gefahr ihres Kindes, Alles vermischte sich in ihrem Geiste mit einem dunkeln, betäubenden Gefühle des großen Wagnisses, welches sie unternahm, indem sie die einzige Heimath verließ, die sie jemals gekannt hatte, und sich von dem Schutze einer Freundin losriß, die sie geliebt und geehrt hatte. Dazu kam die Trennung von jedem ihr vertrauten Gegenstande, – von dem Orte, an dem sie aufgewachsen war, den Bäumen, unter denen sie gespielt hatte, den Gebüschen, in denen sie so manches Mal Abends an der Seite ihres jungen Gatten gewandelt hatte, – jeder Gegenstand, der in der kalten, sternhellen Nacht vor ihr lag, schien sie vorwurfsvoll zu fragen, wohin sie sich von einer so glücklichen Heimath wenden wolle?
Aber stärker als Alles war das Gefühl der Mutterliebe, welches sich vor der so nahe drohenden, schrecklichen Gefahr zu einem Paroxismus von Raserei steigerte. Ihr Knabe war alt genug, um an ihrer Seite gehen zu können, und unter anderen Umständen würde sie ihn nur an der Hand geführt haben; allein jetzt machte sie der bloße Gedanke, ihn aus ihren Armen zu lassen, schaudern, und während sie eilends vorwärts schritt, preßte sie ihn mit krampfhaftem Drucke an ihren Busen.
Der gefrorene Boden knarrte unter ihren Füßen und sie zitterte bei diesen Tönen; jedes rauschende Blatt und jeder fliehende Schatten machte ihr Blut im Herzen erstarren und trieb ihre Füße zu noch größerer Eile an. Sie wunderte sich innerlich selbst über die Stärke, die sie zu durchströmen schien; denn sie fühlte die Last ihres Kindes wie die einer Feder, und jede neu aufsteigende Regung von Furcht schien die übernatürliche Kraft zu erhöhen, die sie forttrug, während von ihren bleichen Lippen häufige Anrufe an einen Freund im Himmel flossen: „Gott, hilf mir! Gott, rette mich!“
Wenn es Dein Harry wäre, Mutter, oder Dein William, der Dir morgen früh durch einen rohen Sklavenhändler entrissen werden sollte, – wenn Du den Mann gesehen und gehört hättest, daß die Papiere unterzeichnet und übergeben wären, und Du hättest nur Zeit von Mitternacht bis zum Morgen, um Deine Flucht zu bewerkstelligen, wie schnell würden Deine Schritte sein? Wie viel Meilen würdest Du nicht in jenen wenigen, kurzen Stunden zurücklegen können, mit dem Liebling an Deiner Brust, – die kleinen, schlafmüden Hände auf Deiner Schulter, und die zarten, weichen Arme um Deinen Nacken geschlungen?
Denn der Knabe schlief. Anfangs hatten ihn die Neuheit der Umstände und die Unruhe wach erhalten; aber seine Mutter hielt so ängstlich den Athem und jeden Laut zurück, und hatte ihn so fest versichert, daß, wenn er nur still sei, sie ihn sicherlich retten werde, daß er beruhigt ihren Nacken umschlang, und schon halb entschlummert nur noch Fragen an sie richtete.
„Mutter, ich brauche nicht wach zu bleiben, nicht wahr?“
„Nein, mein Liebling, schlafe, wenn Du müde bist.“
„Aber, Mutter, wenn ich einschlafe, wirst Du doch nicht zugeben, daß er mich nimmt?“
„Nein, so Gott mir helfe!“ sagte die Mutter mit blässerer Wange und hellerer Gluth in ihrem dunklen Auge.