Achtes Kapitel.
Ein würdiges Trio.
Die Dämmerung begann gerade herein zu brechen, als Elisa ihren verzweifelten Rückzug über den Fluß unternahm. Die grauen Abendnebel, welche langsam vom Flusse aufstiegen, umhüllten sie, als sie am jenseitigen Ufer verschwand, und der angeschwollene Lauf des Stromes mit den wogenden Eismassen bildete eine hoffnungslose Schranke zwischen ihr und ihrem Verfolger. Haley kehrte deßhalb langsam und mißmuthig nach dem kleinen Wirthshause zurück, um darüber nachzudenken, was weiter zu thun sei. Die Wirthsfrau öffnete die Thür eines kleinen Zimmers, dessen Boden mit einem Fragmente von Teppich bedeckt war, und in welchem ein Tisch mit einer glänzend schwarzen Wachstuchdecke, sowie verschiedene schlanke, hochlehnige Holzstühle standen, während über dem Kamine und oberhalb eines schwellenden, dampfenden Feuers mehrere Papierbilder mit hellen und grellen Farben die Wand bedeckten. Ein langer, harter, hölzerner Sitz breitete seine unbequeme Länge vor dem Kamine aus, und hier ließ Haley sich nieder, um über die Unbeständigkeit menschlichen Glückes und menschlicher Hoffnungen im Allgemeinen zu reflektiren.
„Wozu brauchte ich den verdammten kleinen Balg nun?“ sagte er zu sich selbst, „daß ich mich wie einen Affen habe behandeln lassen müssen, – was ich bin!“ und erleichterte sein Herz sodann dadurch, daß er eine nicht sehr ausgewählte Litanei von Verwünschungen und Schimpfnamen gegen sich ausstieß, welche, obgleich jeder mögliche Grund vorhanden ist, sie als passend zu erachten, wir hier des guten Geschmackes halber unerwähnt lassen wollen.
Aus diesen Selbstbetrachtungen wurde er durch eine laute und unharmonische Stimme eines Mannes erweckt, welcher vor der Thür des Hauses abzusteigen schien. Er eilte an das Fenster.
„Beim Himmel! nun, wenn das nicht gerade so was ist, was die Leute Vorsehung nennen,“ sagte Haley. „Glaube wahrhaftig, das ist Tom Locker.“
Haley eilte hinaus. Am Schenktische, in der Ecke des Zimmers, stand ein fleischiger, muskulöser Mann, volle sechs Fuß hoch und im Verhältniß ebenso breit. Er trug einen Rock von Buffalohaut, mit der rauhen Seite nach Außen, was ihm ein wildes Aeußere verlieh, welches mit dem ganzen Ausdrucke seiner Physiognomie in vollem Einklange stand. In seiner Kopf- und Gesichtsbildung zeigte sich jedes Organ, welches Rohheit und rücksichtslose Gewaltthätigkeit verrieth, in der höchst vollkommensten Ausbildung. In der That, wenn sich unsere Leser einen Bullenbeißer in menschlicher Gestalt, mit einem Rock und Hut umherwandelnd denken könnten, so würden sie keine unrichtige Vorstellung von der Erscheinung und dem Eindrucke seiner Körperbildung haben. An seiner Seite befand sich ein Reisegesellschafter, welcher in verschiedenen Beziehungen ein vollständiges Gegenstück zu ihm bildete. Er war klein und schlank, und geschmeidig wie eine Katze in seinen Bewegungen, und hatte einen lauernden Ausdruck in seinen stechenden, schwarzen Augen, mit denen jeder Zug seines Gesichts im Einklang zu stehen schien. Seine schmale, lange Nase lief in einer solchen Richtung aus, als wolle sie sich in die Natur aller Dinge im Allgemeinen einbohren; sein glattes, dünnes, schwarzes Haar war sorgfältig nach vorn zusammen gelegt, und alle seine Wendungen und Bewegungen drückten eine trockene, vorsichtige Schärfe aus. Der große, dicke Mann schenkte ein Bierglas halb voll mit reinem Branntwein ein und stürzte es hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Der kleine Mann stand auf den Zehen, und nachdem er seinen Kopf zuerst nach der einen, und dann nach der andern Seite vorgestreckt, und in allen Richtungen nach den verschiedenen Flaschen gerochen hatte, bestellte er endlich mit einer dünnen, zitternden Stimme und mit besonders vorsichtiger Miene ein Glas Sodawasser. Als er es eingeschenkt hatte, betrachtete er es mit scharfem, wohlgefälligem Blicke, wie ein Mann, der der Meinung ist, das Rechte gefunden und den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, und schritt sodann dazu, es in langsamen und wohlbedachten Schlückchen zu leeren.
„Wahrhaftig, wer hätte das gedacht, daß ich's so gut treffen sollte? Sieh da, Locker, wie geht's Euch?“ sagte Haley vortretend und seine Hand dem großen Manne entgegen streckend.
„Der Teufel!“ war die höfliche Antwort. „Was bringt Euch denn hierher, Haley?“
Der Mann mit dem lauernden Blicke, welcher den Namen Marks führte, hielt sofort mit seinem Schlürfen inne und streckte seinen Kopf vor, und betrachtete scharf und neugierig die neue Bekanntschaft, so wie eine Katze zuweilen ein wehendes, trockenes Blatt oder irgend einen andern ähnlichen Gegenstand der Verfolgung betrachtet.