»Thomas!« sagte Dorcas.

»Ich sage Euch, Großmutter, wenn Ihr einen armen Kerl zu dicht einpfropft, so platzt er,« sagte Tom. »Aber wegen der Dirne — sagt ihnen, daß sie sich so ankleide, daß sie nicht mehr kenntlich ist. Ihre Beschreibung ist in Sandusky.«

»Wir wollen dafür sorgen,« sagte Dorcas mit der ihrer Sekte eigenthümlichen Gelassenheit.

Da wir an dieser Stelle von Tom Locker Abschied nehmen, so können wir hier zugleich erwähnen, daß, nachdem er drei Wochen in dem Quäckerhause am rheumatischen Fieber darniederlag, welches zu seinen übrigen Leiden hinzu trat, er sich vom Lager als ein etwas weiserer und bessrer Mensch erhob; und fortan statt Sklaven zu fangen, sich in einer der neuen Ansiedlungen niederließ, wo seine Fähigkeiten sich in der Jagd von Bären, Wölfen und andern Bewohnern des Forstes glücklicher entwickelten, wodurch er sich einen Namen im Lande machte. Tom sprach immer ehrfurchtsvoll von den Quäkern. »Hübsche Leute,« pflegte er zu sagen; »wollten mich bekehren, konnten 's aber nicht zu Stande bringen. Aber eins will ich euch sagen, Fremder, einen kranken Kerl warten sie vortrefflich ab, — das ist richtig! Kochen die beste Sorte Kraftbrühe und Brezeln.«

Da Tom den Flüchtlingen mitgetheilt hatte, daß ihre Gesellschaft in Sandusky gesucht werde, so hielt man es für gerathen, sich zu theilen. Jim wurde mit seiner alten Mutter besonders fortgeschafft; und ein oder zwei Nächte später wurden Georg und Elise mit ihrem Kinde in's Geheim nach Sandusky gefahren und unter einem gastfreien Dache untergebracht, während die Vorbereitungen zu ihrer letzten Einschiffung auf den See getroffen wurden.

Ihre Nacht neigte sich jetzt dem Ende und schön erhob sich vor ihnen der Morgenstern der Freiheit. Freiheit! Begeisterndes Wort! Was ist es? Ist es denn etwas mehr als ein Name oder ein rednerischer Ausdruck? Warum Ihr Männer und Frauen Amerikas, beben Eure Herzen vor Wonne bei dem Worte, für welches Eure Väter bluteten und Eure noch bravere Mütter willig ihre Besten und Edelsten sterben sahen?

Liegt darin etwas Ruhmreiches und Theures für ein Volk, das nicht auch ruhmreich und theuer für den einzelnen Menschen ist? Was ist Freiheit eines Volkes anders als Freiheit der Individuen desselben? Was ist Freiheit für jenen jungen Mann, welcher dort sitzt, die Arme über die breite Brust geschlagen, die Farbe des afrikanischen Blutes auf den Wangen, dessen dunkles Feuer im Auge — was ist Freiheit für George Harris? Für Eure Väter war Freiheit das Recht eines Volkes, ein Volk zu sein. Für ihn ist es das Recht eines Menschen, ein Mensch zu sein und kein Vieh; das Recht, das Weib seines Herzens sein Weib nennen, und sie vor gesetzlicher Gewaltthätigkeit schützen zu können; das Recht, sein Kind zu beschützen und zu erziehen; das Recht, eine eigne Heimath, eine eigne Religion, einen eignen Charakter zu haben, der nicht dem Willen eines Andern unterworfen ist. Alle diese Gedanken arbeiteten in Georgs Brust, während er gedankenvoll den Kopf auf die Hand stützte, und seine Frau beobachtete, als sie ihrer zarten und hübschen Gestalt männliche Kleidung anpaßte, in der man es für das Sicherste hielt, daß sie ihre Flucht bewerkstellige.

»Jetzt gilt's,« sagte sie, als sie vor dem Spiegel stand und die seidene Fülle des schwarzen Lockenhaares herabschüttelte. »Sieh! Georg, 's ist fast ein Jammer, nicht wahr?« sagte sie, indem sie scherzhaft einige Locken in die Höhe hielt. »'s ist ein Jammer, daß sie alle ab müssen.«

Georg lächelte traurig und gab keine Antwort.