»Miß Eva hat St. Clare'sches Blut, — das ist klar; sie kann grade so sprechen, wie ihr Vater,« murmelte sie, während sie zum Zimmer hinausging.

Eva stand vor Topsy, und betrachtete sie.

Da standen die beiden Kinder als würdige Repräsentanten der Extreme der bürgerlichen Gesellschaft. Das schöne, hoch erzogene Kind mit dem goldenen Lockenkopfe, den tiefen Augen, den geistreichen, edlen Zügen, und den feinen Bewegungen; und daneben sein schwarzer, schlauer, kriechender und doch scharfsinniger Nachbar. Sie waren die Repräsentanten ihrer Geschlechter: des sächsischen, das durch Jahrhunderte von Bildung, Herrschaft, Erziehung, physischer und geistiger Entwickelung gegangen war, und des afrikanischen, das Jahrhunderte in Druck, Unterwürfigkeit, Unwissenheit, Mühe und Laster durchlebt hatte!

Etwas Aehnliches mochte vielleicht in diesem Augenblicke Eva's Gedanken beschäftigen; allein die Gedanken eines Kindes sind nur dunkle und unbestimmte Ahnungen, und in Eva's edler Natur mochten viele solche geistige Regungen thätig sein, für die ihr die Kraft des Ausdrucks fehlte. Als sich Miß Ophelia über Topsy's Ungezogenheit und schlechtes Betragen ausließ, sah das Kind bestürzt und traurig aus, aber sagte sanft:

»Arme Topsy, warum mußt Du stehlen? Du wirst nun unter strenge Aufsicht kommen. Ich wollte Dir lieber Etwas von meinen Sachen schenken, als daß Du es stiehlst.«

Es waren die ersten freundlichen Worte, die das Kind in seinem Leben gehört hatte. Der sanfte, liebevolle Ton machte einen sonderbaren Eindruck auf das wilde, rohe Herz, und der Glanz einer Thräne zeigte sich einen Augenblick lang in dem scharfen, runden Auge; aber gleich darauf folgte wieder das kurze Lachen und Grinsen. Nein! das Ohr, das nie etwas Anderes als Scheltworte gehört hat, glaubt nicht an etwas so Himmlisches wie Güte; und Topsy hielt deshalb Eva's Rede nur für etwas Spaßhaftes, etwas Unerklärliches, — sie glaubte ihr nicht.

Aber was war mit Topsy zu machen? Miß Ophelia wußte es nicht. Ihre Regeln für Erziehung schienen auf das Kind nicht zu passen. Sie dachte, sie wolle sich Zeit nehmen, um den Fall zu überlegen, und schloß deshalb, im Vertrauen auf gewisse, unbestimmte, wirksame Kräfte, die dunkelen Gemächern zugeschrieben werden, Topsy in ein solches ein, bis daß sie zu einem bestimmteren Entschlusse gekommen sein werde.

»Ich sehe nicht ein,« sagte Miß Ophelia zu St. Clare, »wie ich das Kind in Ordnung halten soll, ohne es zu peitschen.«

»Gut, so peitsche es, so viel Du willst. Ich will Dir volle Machtvollkommenheit geben.«

»Kinder müssen immer körperlich gezüchtigt werden,« sagte Miß Ophelia, »ich weiß nicht, wie man sie ohne das erziehen kann.«