Ich selbst erhielt in einem officiellen Brief das Ersuchen des Residenten, im Vaccine-Distrikte Menggala die Impfresultate des dortigen Vaccinateurs aufzunehmen und zu diesem Zwecke mit dem Regierungsdampfer »Berouw« am 14. Juli mich dahin zu begeben. Der Controleur des Bezirks habe bereits Befehl erhalten, mir bei der Inspection jedwede Hülfe zu leisten, d. h. zu sorgen, dass mir eine grosse Zahl von Eingeimpften vorgeführt werde und zwar so viel als möglich aus der jüngsten Zeit. Schönes Wetter begleitete uns auf der Fahrt längst der westlichen Küste der Halbinsel vor Katimbang, welche ein Jahr später so fürchterlich durch den Ausbruch des Krakatau gelitten hatte.[11] Bald bekamen wir die Spitze des Radja Basa (1341 Meter hoch) zu Gesicht, zogen bei der Schweinsecke und zwischen den Zutpheninseln hinaus in die Javasee. (Auch die Ostküste dieser Halbinsel wurde von dem wüthenden Elemente des Krakatau schwer heimgesucht; bis zur Nähe der Nordinsel wurde die Küste rasirt.) Wenn wir auch im Hintergrunde die Gebirge der Westküste vor uns vorbeiziehen sahen, so war doch die ganze Küste vom Vorgebirge Tua = Schweinsecke bis zur Mündung[12] des Menggalastromes flach und zum grössten Theil sumpfig. Die Sumpfvegetation begleitete uns bis an’s Ziel der Fahrt. Den folgenden Vormittag kurz vor 12 Uhr, also nach einer Fahrt von 29½ Stunden, liessen wir in Menggala den Anker fallen. Sofort begab ich mich zum Controleur X., welcher mir Gastfreundschaft anbot. Auf der Reise hatte ich gehört, dass der Schiffskapitän von dem »Berouw« und der Controleur nicht gut aufeinander zu sprechen wären. Dieses Factum nahm keinen Einfluss auf meinen Entschluss, von dem gastfreundlichen Anerbieten keinen Gebrauch zu machen. Einerseits war ich auf dem Schiffe gut geborgen, wofür übrigens der Schiffskapitän der Regierung 7 fl. pro Tag in Rechnung brachte, anderseits hatten, wie mir der Herr X. selbst mittheilte, schon zahlreiche Gäste sich bei ihm eingefunden, und ich zögerte also, mehr als nöthig zu incommodiren. Das gespannte Verhältniss zwischen diesen zwei Herren sollte sich bald auch in publico zeigen. Zunächst erfuhren wir, dass der Resident noch nicht angekommen sei und dass bei dem Wedono ungefähr 500 Mädchen versammelt seien, welche späterhin das Fest der »Mulis« aufführen sollten; unterdessen könnte ich die Arbeit der Vaccinateurs controliren.

Fig. 3. Ein Mädchen aus dem unabhängigen Korintji.

([Vide Seite 57].)

Die Wohnung des Controleurs war 1 km von der des Wedono entfernt. Ich ging also in Begleitung zweier Schiffsofficiere auf den Marsch. Der Vaccinateur erwartete mich mit seinen Rapporten in der »Pendoppo« des Häuptlings. Sein jeweiliger Standplatz wird von dem Residenten im Einvernehmen mit dem »Inspector des civilärztlichen Dienstes« in Batavia geregelt. Der Resident jeder Provinz lässt nämlich von seiner Provinz eine Impfungskarte anlegen, welche so eingerichtet ist, dass der Vaccinateur jeden Tag der Woche in einem andern Kampong sich aufhält. Die rings um dieses Centrum gelegenen Dörfer schicken ihre neu zu impfenden Kinder dahin und der Vaccinateur wählt aus den in der vorigen Woche mit gutem Erfolg eingeimpften Kindern 2–3 Kinder aus, welche gegen eine Vergütung der Reisekosten u. s. w. im benachbarten Centrum abgeimpft werden. Wie ich schon im Theile »Borneo« Seite 189 mittheilte, ist im Allgemeinen der Vaccinateur oder, wie er malaiisch officiell genannt wird, der »Mantri Djadjar« the right man on the right place; die Unkosten der Vaccination sind nicht hoch und der Segen der Vaccination hat bis nun nicht nur ganz Java, sondern auch einen grossen Theil Sumatras von der Geissel schwerer Blatternepidemien befreit.

Mit den Rapporten in der Hand besichtigte ich zunächst alle kleinen Kinder, welche vor 8 und vor 14 Tagen zum ersten Male eingeimpft waren. Beinahe kein einziger Fall befriedigte mich; ich sah nur grössere oder kleinere Geschwüre, welche ich unter andern Umständen geradezu für specifisch hätte halten müssen; selbst jene Impfstiche, welche erst 8 Tage alt waren, waren weder Knötchen noch Bläschen, wie ich es nach der Dauer der Impfung erwartete. Hierauf kamen die 500 Mulis = die Töchter der Häuptlinge zur Inspection; jede hatte 2–3 Narben auf der äusseren Seite jedes Oberarmes. Die Narben waren aber so gross und stark strahlenförmig, dass sie mich zur Frage zwangen, ob sie wohl noch wüssten, wie lange es gedauert hatte, bevor die Impfpusteln geheilt waren; nur einige dieser Mädchen wussten es noch, weil sie erst im reiferen Alter zum ersten Male eingeimpft waren. »Einige Wochen« und »einige Monate« waren die stereotypen Antworten. Diese lange Dauer der Heilung correspondirte mit den Geschwüren, welche ich bei der jüngsten Impfung gesehen hatte, und ich beschloss, wenn auch nicht auf ganz wissenschaftlicher Basis, radicale Abhülfe zu schaffen. Unterdessen war nämlich der Resident angekommen. Ich ging in die Pendoppo, um ihn zu begrüssen und ihm von dem Ergebniss meiner Inspection Bericht zu erstatten. Das Programm der weiteren Festlichkeiten sollte und konnte keine Störung erfahren; ich selbst sollte ja den folgenden Tag wieder nach Telók Betóng zurückkehren; ich hatte also weder Zeit noch Gelegenheit, mich mit dieser Sache an diesem Tage noch zu beschäftigen, um eine richtige Diagnose dieser Geschwüre aussprechen zu können.

Als aber der Resident mich frug, welche Vorschläge ich einreichen würde, wenn nach einer kunstgerechten Untersuchung die ungünstigste Diagnose dieser Geschwüre gestellt werden müsste, gab ich 3 Punkte an. 1. Sollte die weitere Abimpfung von Kindern vorläufig eingestellt werden. 2. Sollte sofort um Zusendung neuen Vaccinestoffes von Batavia ersucht werden. 3. Sollte der Vaccinateur die Zwischenzeit in der Hauptstadt sich aufhalten und unter meiner Aufsicht die Vaccination der Kinder vornehmen, um auch die Anforderungen der Reinlichkeit und Antisepsis kennen zu lernen. Zu meiner Ueberraschung erklärte der Resident meine Vorschläge für angenommen und ertheilte sofort die diesbezüglichen Befehle. Einige Tage später berichtete ich hierüber an den Sanitätschef in Batavia, welcher mir den Dank der Regierung für meine energischen Maassregeln aussprach.

Während meiner Unterredung mit dem Residenten, an der natürlich sich auch der Controleur betheiligt hatte, waren vor der Pendoppo die 500 Mulis mit ihren Vätern angetreten, um uns nach dem Festplatze zu begleiten, welcher sich bei dem Hause des Controleurs befand. Den Zug eröffneten die Häuptlinge; sie waren ohne Schuhe, trugen weisse Hosen, hatten um die Hüfte einen kurzen Sarong geschlungen, ihr Oberkörper war mit einem kurzen Sammtröckchen bekleidet, welches zahlreiche aus Gold gestickte Blumen hatte, und ihr Kopfhaar war nach malaiischer Sitte in ein ebenso kostbares Kopftuch eingewickelt. Die Mulis waren wie indische Bajaderen reichlich geschmückt, und wie mir ein arabischer Priester mittheilte, betrug der Preis des Schmuckes oft 2000 fl. Der Rand des Sarongs war von den meisten mit Ryksdaaldern benäht (à 2,50 fl. = 4¼ Mark) und der Salindang von einzelnen hatte am vordern Rande eine Reihe von Goldstücken im Werthe von je 10 fl. = 16½ Mark. Die Nägel ihrer Hand staken in langen spitz zulaufenden Köchern aus Silber; über die Brüste schlang sich ein goldener Gürtel und auf dem Kopfe trugen sie eine mit Goldblech belegte Krone ([Fig. 1]). Es machte auf mich einen eigenthümlichen Eindruck, hinter einer Schaar von kleinen (1,15 Meter hohen) braunen Mädchen zu schreiten, welche durch ihre entblössten braunen Schultern und Rücken, ich weiss nicht mehr durch welche Ideenverbindung es geschah, an eine Heerde fetter Schafe erinnerte.

Als wir auf dem Festschauplatze ankamen, spielte sich eine jener kleinlichen Reibereien ab, welche ceteris paribus in allen Colonien der Welt mit der Anwesenheit junger Beamten verbunden sind. An und für sich sind es ja keine staatenbewegenden Ereignisse oder Principienfragen, welche das Aufeinanderstossen der verschiedenen Würdenträger veranlassen; sie schaffen aber Zwist und Verbitterung, deren Folgen manchmal selbst »politische Fehler« genannt werden müssten. Doch ad rem.

Der Boden war mit Matten bedeckt und zwei Faulenzerstühle und zwei gewöhnliche Sessel waren für die »Autoritäten« reservirt. Der Resident bot mir den Sitz zu seiner Rechten an. Leider habe ich den tiefen (?) Grund dieser Selbstverleugnung des Residenten nicht verstanden und mich dadurch der seltenen Gelegenheit beraubt, das ganze Fest der Mulis sehen zu können. Nachdem ich mehr, als es sich thatsächlich vertheidigen liess, gegen diese unverdiente Ehre protestirte, setzte sich endlich der Resident nieder, und ich nahm zu seiner linken Seite Platz. Hierauf erschien die angesehenste Muli mit einem Päckchen Cigaretten in der Hand und einer brennenden im Munde. Während sie eine Cigarette an der letzteren anzündete, offerirte sie diese dem Residenten, ging bei mir vorbei und offerirte dem Controleur von Menggala und seinem Gaste, seinem Collegen von Seputi, ebenfalls eine brennende Cigarette. Als eine zweite und eine dritte Muli dasselbe wiederholten, bestand in mir kein Zweifel, dass dieser Vorgang programmgemäss sich abspielte und dass der Resident aus diesem Grunde mir den Ehrenplatz angewiesen hatte. Diese Ehrenbezeigung sollte nur den Beamten als den Vertretern der Regierung erwiesen werden. Ich frug also den Controleur, ob auf seine Anordnung die Mulis an mir vorbeigingen, ohne auch mir eine Cigarette anzubieten; ja, rief er stolz aus, denn diese Hormat (= Ehrenbezeigung) kann doch nicht auch einem Maschinisten geboten werden. (Der Schiffscapitän stand mit seinen Officieren hinter uns.) Diese Bestätigung meiner Vermuthung, dass nur den Beamten von den Eingeborenen »Hormat« geleistet werden sollte, entrüstete mich so, dass ich aufstand und dem Residenten mittheilte, dass Kopfschmerzen mich verhinderten, weiter an dem Feste theilzunehmen, und den hinter mir stehenden Schiffscapitän ersuchte, mit mir auf das Schiff zurückzukehren. Ich war damals 32 Jahre alt, also zu jung, um mit Gleichmuth eine absichtliche Zurücksetzung gegenüber einem jungen Mann von 22 bis 23 Jahren aufzunehmen; ich war aber auch schon zu alt, um die Ursache dieser Zurücksetzung in mir zu suchen, und heute drängt sich die Frage in mir auf, ob denn der modus vivendi der jungen Beamten gar so tadelnswerth sei. Den Eingeborenen gegenüber sind sie die Vertreter der Regierung, dies wird niemand bezweifeln; dass sich in der Brust eines 22- bis 25jährigen jungen Mannes das Selbstvertrauen unter dem Einflusse der Verhältnisse zu einer Ueberhebung steigere, möge man ihnen ruhig gewähren. Diese Beamten haben ja, wenn sie nicht verheirathet sind, im Innern des Landes eine isolirte und auch an vielen Gefahren exponirte Stellung. Für viele Jahre sind sie den Wohlthaten eines civilisirten und gesellschaftlichen Lebens entrückt. Die eingeborenen Häuptlinge, mit denen sie verkehren, üben aus Gewohnheit und vielleicht noch mehr aus Opportunitätsrücksichten die grösstmögliche Schmeichelei und Unterwürfigkeit diesen Beamten gegenüber. Dies ist eine Entschädigung für die Entbehrungen, denen diese jungen Männer ausgesetzt sind. (Wie oft haben sie monatelang kein Stückchen Brot gesehen?) Ich kann ja aus eigener Erfahrung bestätigen, dass sie späterhin diesen Grössenwahn ablegen, und mit sehr viel Vergnügen erinnere ich mich noch heute der zahlreichen angenehmen, liebenswürdigen Männer, welche sich in den höheren Regionen der indischen Beamtenwelt befinden. Ich habe z. B. 1½ Jahr später im Innern Sumatras um 11 Uhr meine Antrittsvisite bei dem Controleur gemacht, welcher zufällig die Häuptlinge seines Bezirkes um sich versammelt hatte. Ich war damals schon Regimentsarzt, also im Range viel höher als er; ich war vielleicht um 12 Jahre älter, und doch erhob er sich nicht von seinem Sessel, als ich eintrat, drehte nicht einmal den Kopf um, sondern lud mich mit einer seitlichen Bewegung der Hand ein, mich zu setzen. Späterhin lernte ich ihn als einen gebildeten und thatsächlich höflichen Mann kennen. Eines Tages glaubte ich, ihn bei einem Gläschen Wein über diesen eigenthümlichen Empfang in ruhiger Weise interpelliren zu müssen. Ja, sagte er, dies ist richtig; aber ich war »im Dienste«. Nun, alte Männer können auch unangenehme Seiten haben; lassen wir den jungen Leuten den Stolz als schönes Vorrecht ihrer Jugend!