1. Capitel.
Rassen auf Borneo: Olo-Ott, Dajaker u. s. w. — Reise von Surabaya nach Bandjermasing — Insel Madura und Bawean — Dussonfluss — Mosquitos — Oedipussage auf Borneo — Danaus-Seen — Antassan — Rother Hund (eine Hautkrankheit).
Wien Neerlands bloed door de aderen vloeit, van vreemde smetten vry (= Wem Niederland’s Blut durch die Adern fliesst, das frei von fremdem Makel) wird heute unter den Fahnen Javas mit ebensolcher Begeisterung als an den Ufern der Maas gesungen. Aber hier wie dort kann der Ethnograph nur von einer gemischten Rasse sprechen.
Wie in Europa, im Lande der »Bataver«, Franzosen, Engländer, Spanier und Deutsche seit Jahrhunderten abwechselnd sich angesiedelt und durch gegenseitige Heirathen, ich möchte sagen, eine neue Rasse geschaffen haben, so hat auch Bandjermasing, die Hauptstadt des südöstlichen Theiles von Borneo (wie alle grossen Hafenstädte des indischen Archipels), zahlreiche Menschenrassen, welche nicht nur neben einander leben, sondern sich auch unter einander kreuzen. Buginesen von Celebes, Javanen, Malayen, Maduresen, Bekompeyer, Chinesen und Europäer bewohnen zwar in eigenen Kampongs die einzelnen Theile der Stadt, aber Amor kennt keine Grenzpfähle und keinen Unterschied der Rassen. Reiner hat sich jedoch auf der Insel Borneo der dajakische Volksstamm erhalten, wenn wir dem Laufe des grossen Stromes Baritu folgen, in den sogenannten Dusson- oder Dajaklanden, d. h. ungefähr oberhalb Mengkatip (2° 5′ S. B.), trotzdem sie Jahrhunderte lang unter dem Joche malayischer Fürsten seufzten; ganz rein blieben nur die Olo-Ott in ihrer Rasse; das sind jene Wilden, welche in den Urwäldern frei ohne jedes politische sociale Band in einzelnen Familien und als Nomaden auf Bäumen leben und in Hütten aus Laub sich vor den Unbilden des Wetters schützen. Sie selbst, d. h. die Olo-Ott, habe ich nicht gesehen, aber ihre nächsten Nachbarn, die Bewohner von Murong und Siang; unter den Dajakern, stricte dictu habe ich 3 Jahre gelebt; 10 Monate weilte ich in Buntok (1° 17′ S. B.), wo die Dajaker mit den Bekompeyern friedlich beisammen wohnen. Das sind Dajaker, welche im Contact mit den benachbarten Malayen nicht nur den mohammedanischen Glauben angenommen haben, sondern auch in ihren Sitten und Gebräuchen milder geworden sind und selbst durch Handel, Industrie und durch Ackerbau auf der ersten Stufe der menschlichen Civilisation stehen; auch ihre Künste und ihre Literatur sind die der Malayen, welche die Küsten aller Inseln des indischen Archipels bewohnen.
Bevor ich jedoch auf dieses Thema mich weiter einlasse, will ich mit einigen Zeilen von der Reise selbst sprechen, welche mich zunächst nach Bandjermasing und hernach nach Muara Teweh brachte, wo ich 3 lange Jahre verblieb und während dieser Zeit kein Pferd gesehen habe und keine — europäische Dame.
Den 28. März 1877 schiffte ich mich in Surabaya, der zweitgrössten Stadt Javas, ein, um als holländisch-indischer Oberarzt nach Borneo zu gehen. Gegenüber dieser Stadt liegt die Insel Madura und das Fahrwasser zwischen diesen beiden Inseln versandet mit jedem Tag mehr und mehr, so dass die Regierung ihre Mühe hat, diese Strasse offen zu erhalten. Hier hat die See eine so starke Strömung, dass ich mit meinem Kahne unmöglich das Schiff erreichen konnte, bis einer der Schiffsofficiere uns am Seil einen Rettungsring zuwerfen liess. Die Ruderer legten die Ruder zur Seite, erfassten das Tau und so gelang es ihnen, den Kahn an die Falltreppe zu bringen. Den vier Collegen, welche mich begleitet hatten, drückte ich zum letzten Male die Hand, und ich verliess die Nordküste Javas, um 3½ Jahr lang weit entfernt von der menschlichen Civilisation in einem kleinen Fort in Gesellschaft zweier Officiere ein Leben zuzubringen, das mir alle Genüsse des europäischen gesellschaftlichen Lebens vorenthielt bis auf die — der Wissenschaft. —
Das östliche Ufer der Insel Madura, an dem wir vorüber glitten, war reich mit Urwald bewachsen und bot uns manches schöne Panorama, hingegen war die Küste der Insel Bawean, an welcher wir ebenfalls vorbeidampften, flach und öde. Schon am 30. März sahen wir die Mündung des Baritu, ohne jedoch wegen der Ebbe weiterdampfen zu können. Eine ungeheure Sandbank verlegt nämlich die Einfahrt in den Baritu und wird mit jedem Tage grösser, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie die Insel Bawean erreicht haben wird. Erst am 31. März brachte uns die Fluth in den Baritu, welcher Strom auch Bandjermasing genannt wird und in seinem Oberlaufe Dusson heisst. Er hat zwei Mündungsarme, von denen jeder an der Küste ungefähr ein Kilometer breit ist. (Der westliche Arm mündet 3° 26′ S. B. und 114° 13′ O. L. und der andere 3° 35′ S. B. und 114° 33′ O. L. in die Javasee.)
Die Fahrt in den Baritu ging sehr langsam, weil der Strom bis zur Mündung des Martapuraflusses, an dessen Ufern die Hauptstadt Bandjermasing liegt, in mehr als dreissig Windungen sich schlängelt. Die Ufer sind dicht bewachsen und zwar unter anderem von der Nipahpalme (Nipa fructicans), deren Blätter abgekocht, abgekratzt und getrocknet werden, um als Deckblatt von Cigaretten zu dienen und welche die Heimath ist der — Mosquitos (Culex und Tipula).
Deren giebt es zahlreiche Species; aber alle sind eine fürchterliche Plage, von der besonders Bandjermasing heimgesucht wird.
Wenn auch in der Regel die indischen Mosquitos nur Abends und in der Nacht dem Menschen lästig werden, so ist dies doch nur in den Häusern der Städte der Fall; wenn man jedoch auf die Jagd geht und aus anderen Ursachen in das Gebüsch der Nipahpalmen kommt, dann kann man von ihnen bei Tage ebenso attaquirt werden als von den kleinen Blutegeln; der Stich der Njamuks (so heissen die Mosquitos im Malayischen) ist empfindlich, er verursacht eine Quaddel von bedeutender Grösse, welche durch heftiges Kratzen oft in ein Geschwür sich verwandelt. Dass man sie auch beschuldigt, die Uebermittler so mancher pathogener Bacterien zu sein, wie der Cholera, Lues u. s. w., ist, ich möchte beinahe sagen, selbstverständlich. Man schützt sich gegen ihre Stiche auf mannigfache Weise. In der Regel sind die von den Kleidern bedeckten Körpertheile vor ihren Angriffen gesichert; man kann aber doch nicht den ganzen Abend und die ganze Nacht gekleidet bleiben; die indische Haustoilette ist, wie wir sehen werden, so dünn, dass die Mosquitos hindurch stechen; dabei sind Kopf, Hände und Füsse unbekleidet; man bestreicht sie eventuell mit Oel, Cajaputiöl oder einem Decoct von Lignum Quassiae, wodurch sie in respectabler Entfernung von dem Menschen gehalten werden. Das am meisten gebrauchte Schutzmittel gegen diese blutdürstigen Mücken ist das Netz; man spannt nämlich um das Bett, welches an den vier Ecken zwei Meter hohe Pfeiler hat, ein Zelt aus Tüll; es bleibt jedoch eine akrobatische Leistung, beim Schlafengehen so geschwind hinter das Netz zu kommen, dass kein Mosquito uns begleiten kann. Wie schon erwähnt, hat Bandjermasing eine traurige Berühmtheit ob der Menge seiner Mosquitos. Zwei Momente jedoch vermindern diese Landplage: erstens dass diese blutgierigen Feinde unserer Nachtruhe Feinschmecker in ihrer Art sind; das Blut mancher Menschen schmeckt ihnen nämlich nicht oder vielleicht die Ausdünstung derselben. Zu diesen bevorzugten Geschöpfen Gottes gehörte z. B. ich. Ich war mir keiner einzigen constitutionellen Krankheit bewusst, als ich in Bandjermasing von den Bissen dieser Insecten verschont blieb, so dass ich selbst in der Nacht mit geöffnetem Mosquito-Netz schlafen konnte, während selbst der kleine Wau-Wau (Hylobates concolor), welcher dem Apotheker B... gehörte, mit Vergnügen Abends hinter das Mosquitozelt kroch, um ungestört dem Schlaf sich ergeben zu können. Freilich blieben sie auch von mir in keiner respectvollen Entfernung; ihr Summen und Schwirren beunruhigte und störte auch mich Anfangs, bis mich Gewohnheit und Erfahrung lehrten, das wählerische Gesindel schnarchend zu verachten. — Der zweite Factor ist, dass nur der Hauptplatz Bandjermasing von so zahlreichen und grossen Mosquitos heimgesucht wird, während in den Garnisonen jenseits des Alluviallandes diese Landplage aufhört. Während meines dreijährigen Aufenthaltes in Muara Teweh bekam ich niemals eines dieser Insecten zu Gesicht, es sei denn, dass ein Dampfer von Bandjermasing zu uns kam und die unwillkommenen Gäste als blinde Passagiere mitführte. Auch auf den übrigen Inseln des indischen Archipels kamen sie nur in der Ebene, an der Küste, im alluvialen Boden, in der Heimath der Sumpfgewächse vor, während im Gebirge, auf der Hochebene, in der Kalkformation sie nur zeitweise zu Gastrollen auftauchten. Auch kann man mit ein wenig Heroismus allen schädlichen Folgen ihres Stiches entgehen. Wir sehen ja, dass Säuglinge niemals Quaddeln, Entzündungshöfe oder Geschwüre von einem Mosquitostich bekommen; sie kratzen sich eben nicht und stören die blutdürstigen Insecten nicht in ihrer Trunksucht; ist einmal das Thierchen gesättigt (man gewahrt die Plethora seines Bauches, der bis zur Grösse einer halben Erbse anschwillt), so fliegt es seiner Wege und sein Stich lässt nur einen rothen Punkt zurück; wird es jedoch weggejagt, so bricht der Stachel ab und die Folliculitis ist gegeben; kratzt man diese stark juckende Stelle, so excoriirt die Haut, und der Anfang des Geschwüres ist fertig, welches mitunter recht lange bestehen kann. Tant de bruit pour une omelette, wird vielleicht mancher Leser denken; aber er erkundige sich z. B. bei einem Marineofficier, der tage- oder wochenlang bei einer Blockade vor einer Küste liegen muss. Ob die Langeweile mehr von unserer Gemüthsruhe fordert als die Mosquitos in einem solchen Falle, das muss man selbst erfahren haben, um die Verwünschungen gegen diese Plaggeister zu begreifen.