Den 29. September erreichten wir Southampton und fuhren sofort nach London, um am 30. Abends um 9 Uhr uns wieder einzuschiffen. Es war das erste Mal, dass ich dieses moderne Babylon gesehen habe; der Aufenthalt dauerte nur 1½ Tag, so dass ich nur einen oberflächlichen und zugleich ungünstigen Eindruck von diesem Labyrinth von Strassen erhielt.
Der Morgen des 1. October war heiter und hell; ich befand mich wohl, ich wagte es sogar, eine Cigarre anzuzünden; doch schon um 8 Uhr umwölkte sich der Himmel, ein starker Wind schaukelte das Schiff; im Schiffsraum war die Luft drückend schwül, und so setzte ich mich mit meinem gut geschlossenen Winterrock im Zwischendeck in der Nähe der Maschine nieder und ergab mich wieder dem ganzen Trübsinn, die Heimath verlassen zu haben, um einer ungewissen, unruhigen und gefahrdrohenden Zukunft entgegenzugehen. Wenn auch der Rücken durch die Nähe des Dampfkessels erwärmt ward, so fröstelte es mich doch, und ängstlich prüfte ich meinen Puls, ob er die Nähe des Fiebers, des Typhus oder ähnlicher Unbilden schon verrathe. So ging es bis zum 4. October, als in der Nähe Oportos Jupiter pluvius uns verliess und heller Sonnenschein alle Passagiere auf das Oberdeck rief, welches mit einem Zelte uns vor Sonnenschein und vor Regen hinreichenden Schutz gewährte. An diesem Tage war es das erste Mal, dass ich in vollen Zügen den Reiz einer Seereise genoss. Während ich früher mich vergebens bemühte, die ganze Zeit des Diners und Soupers am Tisch zu bleiben und in der Regel schon nach dem zweiten Gange hinauf aufs Deck eilen musste, um nicht in dem Speisesalon die stürmischen und schmerzhaften Bewegungen meines Magens zu demonstriren, konnte ich mich an diesem Tage ungehindert dem vollen Genuss der Tafelfreuden hingeben; dem bunten Leben und Treiben einer Schiffsgesellschaft konnte ich mich ungestört widmen und mit voller Brust in den Chor der Officiere einstimmen, welche mit Vorliebe deutsche Studentenlieder sangen. Auch Amor, der kleine Schalk, schlüpfte hin und wieder zwischen die jungen Damen und Herren, ohne dass es ihm jedoch gelungen wäre, ein festes und dauerndes Band zwischen zwei jungen Leuten zu knüpfen. Er hatte zwar tüchtige Bundesgenossen, einige junge Frauen, welche bekanntlich die eifrigsten Ehevermittler sind; aber diesmal, d. h. auf dieser Seereise, hatte Amor nicht einen einzigen Erfolg aufzuweisen. Es war z. B. auf dem Schiffe das Fräulein X., welches zu ihrem Schwager, einem bekannten Arzte auf Java, reiste. Bald hatten die jungen Frauen herausgefunden, dass ich sobald als möglich heiraten müsste, weil ein lediger Arzt in Indien niemals eine Privatpraxis erlangen könne, und weil das Leben eines unverheirateten Mannes in Indien »ein Hundeleben« sei und Fräulein X. alle Tugenden in sich vereinige, welche jemals ein weibliches Geschöpf gehabt habe u. s. w. Damit begnügten sich jedoch diese eifrigen Heiratsvermittler nicht. So viel als möglich musste ich dieser jungen Dame Gesellschaft leisten, und als auch dadurch mein Herz verschlossen blieb und die Eiskruste nicht aufthauen wollte, erzählten sie mir, welche Bewunderung diese junge Dame meinem Stande, meinem Geiste und allem bot, was mir gehörte. Ich will nur noch kurz mittheilen, dass auf der Rhede von Batavia alle Passagiere sich gegenseitig Glück wünschten, die grosse Seereise glücklich überstanden zu haben, und dass mir bei dieser Gelegenheit Fräulein X. mit spottendem Tone eine glückliche Zukunft als alter Junggeselle wünschte.
Am 5. October passirten wir Cap St. Vincent; spanischer Himmel wölbte sich über uns, die Sonne sandte heisse Strahlen auf uns, das Meer war glatt, und ruhig glitt der Dampfer über dessen sanfte Wellen. Zu unserer Linken ragen hohe Felsen bis in die Wolken und eine grosse Festung zwischen den Bäumen hervor. In demselben Augenblicke gehen auf unserm Schiff einzelne Flaggen in die Höhe, ein Wachthaus am Ufer antwortet in gleicher Weise, und eine halbe Stunde später weiss der Rotterdamer Lloyd, dass sein Dampfer »Friesland« Cap St. Vincent glücklich passirt habe und »alles wohl an Bord« sei.
Hier hatten wir den ersten Bagagetag, d. h. zum ersten Male durften wir im Schiffsraume nach unseren Koffern sehen, um etwa nothwendig gewordene Ergänzung unserer Wäsche vornehmen zu können; die französische Schifffahrtsgesellschaft ist in dieser Hinsicht freigebiger; ein Theil des Schiffsraumes war für das grosse Gepäck der Reisenden reservirt, und jeden Tag konnte man zu seinen Koffern gelangen; diese waren nämlich auf Schragen schön geordnet, und immerwährend stand ein Matrose bereit, unsere Koffer aus der Unzahl der übrigen herauszusuchen; auf den holländischen Dampfern kann dieses nur jede Woche einmal geschehen. Als ich zum ersten Male meine Koffer revidirte, erschrak ich über die Verheerung, welche das Seewasser angerichtet hatte. Beim Reinigen des Schiffes war das Seewasser in diese Räume und in die Koffer gedrungen; eine Dame weinte und schluchzte, als sie sah, dass in den Seidenkleidern, welche in einem grossen Korbe sich befanden, das Wasser grosse schmutzig-gelbe Flecke zurückgelassen hatte; späterhin, d. h. bei meiner späteren Seereise, waren die Koffer, welche Bücher, Kleider und Instrumente enthielten, mit Zinkblech inwendig bekleidet und nur die Wäsche blieb unbeschützt; der Koffer wird ja durch solche Bekleidung zu schwer und erfordert bei den Fahrten auf der Eisenbahn oder beim Transport durch Kuli zu hohe Fracht.
Der Mond schuf an diesem Tage auf den Wogen des Meeres so herrliche Krystalle, so silberglänzende Streifen zogen hinter dem Schiffe zum fernen Horizont, dass ich stillvergnügt in die plätschernden Wellen und träumend nach dem bestirnten Himmel blickte. Da erklangen heimathliche Klänge aus kräftigen Kehlen zu meinen Ohren: »Zu Mantua in Banden der treue Hofer war«; ich entriss mich dem Zauber der Nymphen, welche mir aus der Tiefe des Meeres so manches süsse Wort des Trostes und der Hoffnung zugeflüstert hatten — die Seekrankheit war ja vorüber — und ich eilte auf das Vorderdeck. Da waren deutsche und holländische Soldaten, welche deutsche Volkslieder sangen, während abwechselnd ihre französischen und belgischen Kameraden ihr »Adieu ma belle France« mit ihrem »Allons, enfants de la patrie« dem Zephyrwinde anvertrauten, welcher sie der Heimath bringen und dort berichten sollte, dass sie auch in weiter Ferne treue Söhne ihres Vaterlandes bleiben würden. Wie viele von ihnen weilen heute noch unter den Lebenden? Wie viele von meinen Reisegenossen der 1. Klasse schlummern schon unter den Palmen ihren ewigen Schlaf, und wie wenigen war das Schicksal ebenso günstig als mir, ebenso hold als mir, nach 23 Jahren jenen eine Thräne der Erinnerung weihen zu können?
Unterdessen erhob sich am westlichen Horizont ein Wolke und stieg immer höher und höher, bis sie als ein dichter Schleier den Mond verhüllte und das silberweisse Glänzen und Leuchten des »Saugwassers« erlöschen und in das dunkelblau (coeruleus) der anderen Wellen übergehen liess.
Der Gesang der Soldaten verstummte, ein lauter Applaus der Umstehenden belohnte sie für diese Serenade auf hoher See, und wir stiegen hinab in das Zwischendeck, um unsere Cajüten aufzusuchen.
Bei den Reisen mit Segelschiffen galt es als eine Empfehlung für den Segler, eine »milchgebende Kuh und einen diplomirten Doctor« an Bord zu haben, und der holländische Volkswitz veränderte es in einen »milchgebenden Doctor und diplomirte Kuh«. Auf der »Friesland« erfreuten wir uns des Besitzes von drei milchgebenden Kühen und von fünf diplomirten Aerzten; der Schiffsarzt war ein College vom alten Schlage, dem die moderne Untersuchungsmethode noch nicht geläufig war, und der daher seinen ersten Patienten mit Lungenentzündung für einen rheumatisch Erkrankten erklärte; der Patient starb, und weinend folgte der Arzt dem Leichenzuge und klagte mir sein Leid, dass es in seiner langen Praxis der erste Fall sei, dass er auf hoher See einen Patienten verloren habe, der nur an Rheumatismus der Brustmuskeln gelitten hätte.
Interessanter und viel romantischer war das Vorderdeck, welches für die Passagiere der 2. und 3. Klasse und für das Schlachtvieh bestimmt war. Im Zwischendeck befanden sich drei grosse Milchkühe, ein Dutzend Schweine, zwei Dutzend Gänse, die Rettungsboote waren mit Fleisch von Rindern, Kälbern und Hammeln gefüllt, und eine grosse Zahl Hühner und Enten füllten die langen Käfige auf beiden Seiten des Zwischendeckes; heute haben die grossen Indienfahrer grosse Kühlräume für alle Sorten von Fleisch, Gemüse u. s. w. und führen lebendes Vieh nur so weit mit, als die Bequemlichkeit der Deckpassagiere darunter nicht leidet; damals jedoch bargen sich zwischen den festgebundenen Rindern und den Gänseställen die Soldaten; dort hatte ein Schuhmacher seinen Dreifuss aufgestellt, hier übte ein französischer Korporal sein altes Metier und rasirte gegen eine Entschädigung nicht nur seine Kameraden, sondern auch die Passagiere der 1. Klasse; malayische Bediente und javanische Babu’s, welche zur Begleitung und Aufsicht europäischer Kinder nach Europa gegangen waren und auf der Rückreise nach der Heimath dieselben Dienste leisteten, suchten mit Vorliebe den vorderen Theil des Schiffes auf, um vielleicht einen oder den anderen der Unterofficiere oder der Soldaten in’s Joch der Ehe zu spannen, und nur zu oft hörten wir die klagenden, schmelzenden Töne eines malayischen Liebesliedes, welches den Orang-Baru an die braune, plattnasige Schöne fesseln sollte.
Am 6. October kamen wir in das mittelländische Meer, und am 13. October 2 Uhr Nachts fuhren wir in den Hafen von Port Said. Die ganze Fahrt durch dieses grosse Wasserbecken war vom schönsten Wetter begünstigt gewesen. Schwacher Wellenschlag, manchmal kaum fühlbares Schaukeln des Schiffes, hellblauer Himmel über unserem Haupte und sanfte Temperatur bei Tage wechselten mit kühlen Abenden; und wenn der Himmel mit seinen Millionen Sternen in seiner ganzen Pracht über uns sich wölbte, wenn die Mondesstrahlen in den Fluthen sich spiegelten, das Schiff ruhig über die See glitt, und funkensprühende Wellen, mit hellblauem, krystallgleichem Schweife, bis an den Horizont rollten, dann war alles Weh und Leid vergessen, und in der Wahl zwischen Schiff und Schienenweg — giebt es keine Wahl.