Die westlichen Grenzpfähle der Provinz Surakarta, die Berge Merapi und Merbabu mit ihrem Ausläufer Telomojo (1883 Meter hoch) habe ich fünf Jahre lang beobachten können, und ich will ihrer im folgenden Capitel erwähnen. Die »Fürstenthümer Javas« sind reiche Länder und hochinteressant wegen ihrer Vergangenheit und zahlreichen Denkmäler aus der Zeit der Hindu-Herrschaft.
Fig. 21. In Sarong und Kabaya.
9. Capitel.
Die Provinz Kedú — Der Berg Tidar — In Magelang — Auf dem Pâsar (= Markt) — Javanische Schönheitsmittel — Haustoilette der europäischen Damen — Mein „Haus“ — Empfangsabende — Magelang — Opiumrauchen — Die Chinesen auf Java — Die gerichtliche Medicin der Chinesen — Ein zu grosses Militärspital — Die Königin von Siam in Magelang — Ein Oberstabsarzt „gestellt“ — Nachtheile der Pavillons aus Bambus — Organisation des Rechtswesens — Zum Theaterdirector gewählt — Die Journalistik Indiens.
Auch die Provinz Kedú hat auf ihrer westlichen und östlichen Grenze grosse und mächtige Grenzpfeiler, im Osten die bereits erwähnten Merapi, Merbabu und Telomojo, während der Sumbing, 3336 Meter hoch, der Sindoro, 3124 Meter hoch, und der Berg Bisna, 2363 Meter hoch, diese Provinz im Westen von der Provinz Bagelen scheiden. Die Ausläufer dieser Berge durchziehen die ganze Provinz, und selbst die Thäler des Progo- und des Elloflusses sind zu schmal, um den gebirgigen Charakter dieser Provinz in hohem Grade zu beeinflussen. (Nur von Magelang zieht nach Norden eine 10 Kilometer grosse Ebene.) Diese Provinz ist reich an Kunstdenkmälern, unter denen der schönste, grösste und mächtigste Tempel vielleicht der ganzen Welt der Buru-Budur ist. Obwohl der grösste Theil des Landes Communalbesitz ist, die Provinz bei einer Grösse von 37,05 ☐Meilen ungefähr 800,000 Einwohner, somit mehr als 20,000 Seelen auf die ☐Meile zählt, so ist sie doch eine arme Provinz. Vielleicht wird die Vollendung der Eisenbahn einen günstigen Einfluss auf die Wohlfahrt des Landes nehmen; erst vor zwei Jahren wurde die Linie Djocja-Magelang gebaut, und es fehlt noch die Linie Magelang-Ambarawa, um die ganze Provinz durch den Schienenweg mit dem Norden Javas[155] zu verbinden.
Im Jahre 1891 konnte ich mich bei meiner Transferirung von Ngawie nach Magelang, der Hauptstadt dieser Provinz, nur bis Djocja der Eisenbahn bedienen. Mein Mylord, welcher bei der Auction in Ngawie keinen Käufer fand, traf zu gleicher Zeit in Djocja ein; ich miethete im Hotel Tugu nur vier Pferde (mit Kutscher und Palfenir) um 12 fl. und konnte also in meiner bequemen Kutsche die Reise fortsetzen. Die Reisewagen, welche man s. Z. in Djocja und in Magelang zu dieser mehrstündigen Reise miethen konnte, waren alte, hässliche Wagen und hatten eine lothrechte Rückenlehne, so dass ich mich oft verwundert frug, woher sie denn diese unpraktischen Reisevehikel in so grosser Zahl auftreiben konnten.
Bei Salam verliess ich die Provinz Djocja, und sofort fühlte ich den Einfluss der holländischen Regierung. Wenn es auch ununterbrochen bergauf ging, so war die Reise doch nicht unangenehm, weil sich der Weg sofort hinter der Grenze in sehr gutem Zustande befand. In Muntilan wurden die Pferde gewechselt, und noch immer stieg der Weg sanft mit zahlreichen Wellen an, so dass wir von der Grenze, welche 331 Meter absolute Höhe hatte, hier 355 Meter und in Magelang 384 Meter Höhe, im Ganzen 53 Meter gestiegen waren. Hinter Muntilan lag eine schöne, wenn auch schmale Strasse, welche links ab zu dem schönen Tempel Mendut ([Fig. 19]) und mittelst Fähre über den Ellofluss zum Buru-Budur führte. Gegen 5½ Uhr näherte ich mich der Stadt Magelang, d. h. ich sah den Berg Tidar, welcher 504 Meter über dem Meere und 120 Meter hoch sich über Magelang erhebt. Es ist der pâku = Nagel oder der pusar = Nabel (= der Mittelpunkt von Java), durch dessen Spitze der Nagel getrieben wurde, mit dem diese Insel auf der Erde befestigt wurde. Nicht allein auf mich machte dieser Hügel den Eindruck, dass auch er die Ruinen eines grossen Tempels bedecke, sondern es wurde so oft diese Vermuthung geäussert, dass Ausgrabungen stattfanden, welche jedoch ein negatives Resultat hatten. Der »Tidar« musste eben durch seine isolirte Stellung zu solchen Vermuthungen Anlass geben; er steht nämlich ganz isolirt in der Ebene zwischen den beiden Bergriesen Merapi und Sumbing. Auf den Berg Tidar folgte der europäische Kirchhof, für dessen Verschönerung ich späterhin als Präsident der »Kirchhofs-Commission« zu sorgen hatte, hierauf der grosse Marktplatz, das chinesische Quartier mit der chinesischen Kirche, und am Ende dieser Strasse lag der Schlossplatz (Alang-âlang) mit der Moschee,[156] dem Palaste des Regenten, dem Officiersclub, der Schule für Häuptlings-Söhne, dem Postamt, einem Hotel und der Volksschule für Eingeborene.
Der »grosse Weg« führte mich auf der Ostseite des Schlossplatzes in eine schöne Allee mit europäischen Wohnungen bis zum Anfang des »Campement«, wo auf der einen Seite die Wohnung des Commandanten und zur rechten Seite das Hotel Kedú standen. Der Eigenthümer dieses Hotels war ein sehr braver Mann, ein Deutscher von Geburt, der durch seinen jahrelangen Aufenthalt unter den Holländern seine Muttersprache so verlernt hatte, dass sein Kauderwelsch dem grössten Philologen ein Räthsel blieb, weil er seinem deutschen und holländischen Wörterschatz noch englische und malayische Wörter beifügte und nach Gutdünken die Wort- und Satzbildung dieser vier Sprachen auf seine Rede anwandte. Dies ist allerdings eine alltägliche Erscheinung, dass die Deutschen, durch die Aehnlichkeit der beiden Sprachen, in den holländischen Colonien ihre Muttersprache verlernen und umgekehrt die Holländer nach einem kurzen Aufenthalt in deutschen Ländern die holländische Sprache geradezu misshandeln; aber niemand will es glauben, der es nicht selbst erfahren hat. Vor vielen Jahren sprach ich in Buitenzorg mit der Frau eines Collegen, welche in Preussen ihre Wiege gehabt hatte, und erzählte ihr einige drastische Fälle von solchem verdorbenen Deutsch unserer Landsleute; darauf antwortete sie mir mit einem Seufzer: Ach, wie kann man denn seine Mutterzaal vergessen! Die Sprache heisst im Holländischen taal, und da viele deutsche Worte mit Z in der holländischen Sprache mit T beginnen, glaubte sie deutsch zu sprechen, wenn sie aus taal einfach zaal machte. Diese Dame war erst ein Jahr in Indien. Der Gastwirth des Hotels Kedú war als gewesener Corporal und in seiner jetzigen Stellung schon Jahrzehnte in Indien und hatte also ein Idiom angenommen, das ein mixtum compositum der vier Sprachen war, welche er in seiner Eigenschaft als Wirth täglich am meisten gebrauchen musste. Er empfing mich auch mit den Worten: »Es wird Sie freuen, dass Sie hier geplatzt[157] sind, und ich soll Ihnen so viel als möglich helfen.« Ich hatte jedoch seine Hülfe nicht nöthig, weil der Regimentsarzt, welcher mich in Ngawie ablöste, vor seiner Abreise aus Magelang auf mein Ersuchen sein »Haus« für mich gemiethet hatte. Dadurch wurde es mir möglich, in kürzester Zeit das Hotel verlassen und mein eignes Heim beziehen zu können. Am folgenden Tage meldete ich mich zunächst beim Platzcommandanten, welcher unweit vom Hotel sein Bureau hatte. Eine schöne breite Strasse führte in das Campement; die linke (westliche) Seite war von zwei grossen Officierpavillons eingenommen, und rechts von ihr lag ein grosses schönes Exercierfeld mit Casernen in der Form eines offenen Oblongums