Als Brugsch aus dem ägyptischen Dienst geschieden war, ließ er sich in seiner Vaterstadt Berlin nieder, um hier unabhängig seinen fachwissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten zu leben. Doch auch dann war ihm längere ununterbrochene Seßhaftigkeit nicht beschieden. Jener Reise mit dem Prinzen Friedrich Karl haben wir bereits gedacht. Als zwei Jahre später die Regierung des Deutschen Reiches wieder eine Gesandtschaft nach Persien abordnete, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit auf Brugsch, der, von seiner früheren Mission her mit Land und Leuten vertraut, der persischen Sprache mächtig, ganz als der rechte Mann erschien, diese Gesandtschaft als Dolmetscher zu begleiten. Er nahm diesen Auftrag an, welcher ihm zum Titel Legationsrat verhalf, ihn während neun Monaten fern von der Heimat hielt und zur vollen Zufriedenheit der Regierung von ihm erledigt wurde. Die litterarischen Früchte dieser Reise sind das kleine Buch: „Im Lande der Sonne“, und ein anderes: „Die Muse von Teheran“.

In Berlin lebt Brugsch seit seiner Rückkehr von dieser Reise als Privatmann. Der berühmte Gelehrte, der als eine der ersten Fachautoritäten in der wissenschaftlichen Welt aller Kulturnationen gilt, das Mitglied der meisten Akademien des Auslandes, liest an der Berliner Universität als Privatdocent. Die durch Lepsius’ Tod erledigte Professur der ägyptischen Altertumskunde wurde anderweitig besetzt. — Einen Lieblingsgegenstand seiner neueren Studien und teils fachwissenschaftlichen, teils populär gehaltenen litterarischen Arbeiten bildet die antike Metrologie, die Kunde von den Maßen und Gewichten der alten Völker. In diesen Arbeiten hat er es zuerst nachgewiesen, daß das in der ganzen antiken Welt gebräuchlich und allgemein gültig gewesene Teilungssystem nach der sexagesimalen Skala nicht, wie vordem angenommen wurde, von den Babyloniern, sondern von den Ägyptern zuerst erdacht und durch sie verbreitet worden ist.

In der Geschichte der deutschen „Gelehrten-Republik“ gehören Männer von dem Naturell und den zum Teil durch dasselbe bedingten Schicksalen unseres Brugsch zu den Seltenheiten. Eine solche enorme wissenschaftliche Arbeit, ein so tiefes Versenken in eine, die ganze Geisteskraft in Anspruch nehmende Disciplin und ein dadurch errungener so großer Schatz von umfassender Gelehrsamkeit, wie die seine, scheint sich kaum vereinigen zu lassen mit seinem so wechselvollen, bewegten Dasein und allen jenen von dem ruhigen, wissenschaftlichen Studium, von der Forschung und der Verarbeitung ihrer Resultate weit abliegenden, mannigfachen Thätigkeiten, zu denen er gedrängt gewesen ist, und in welchen er sich stets und überall gleich tüchtig und ausgezeichnet bewährt hat. Es gehörte eine so ganz eigenartige Organisation wie diese dazu, um so Widerstrebendes in sich zu vereinigen, so entgegengesetzte Qualitäten in sich zu gleich reifer Entwickelung gelangen zu lassen. Um so merkwürdiger und bewundernswerter will uns das erscheinen, als Brugsch bereits frühe in seinem Leben die Bürde der Familiensorgen auf sich genommen hat, denen durch den Tod des Vaters noch neue hinzugefügt worden sind. Wenn seine Nachkommenschaft auch nicht die ganze Zahl der Kinder seines großen älteren Kollegen Theodor Mommsen erreicht, so ist der Besitz von acht Söhnen und zwei Töchtern immerhin stattlich genug. Wie trefflich er die Vaterstelle an seinem jüngsten Bruder vertreten hat, beweist die Thatsache, daß derselbe es unter Brugsch-Paschas Leitung bis zum Konservator des Ägyptischen Museums in Kairo-Bulak und zur Würde eines Bey gebracht hat, und sein Name für immer verknüpft ist mit dem großartigen und unschätzbaren Funde der Königsmumien der Ramessiden. Auch der älteste Sohn aus erster Ehe war dem Vater nach Ägypten gefolgt, wo er höchst segensreich als einer der ersten Augenärzte wirkt. — Naturell und Schicksal haben Brugsch-Pascha auch bis auf diesen Tag glücklich bewahrt vor jener Verknöcherung, jenem Zunftstaube, jenem Gelehrtendünkel, jener Pedanterie, von denen die professionellen Leuchten der Wissenschaft in Deutschland sich so selten frei zu halten wissen. Er ist ein ganzer und freier Mensch geblieben, der das Leben kennt und in dem der Gegenwart so heimisch ist, wie in dem des Altertums, und dem wohl in den Tiefen seiner Wissenschaft nichts verborgen, aber auch nichts Menschliches fremd ist.

Ludwig Pietsch.

Aus dem Morgenlande.

Die Symbolik der Farben.

Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue, das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb, die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln, vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen, verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will.

Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird. Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben äußerte, weil ihm eine schwarze Weste, statt einer gewünschten rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen, daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt.

Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der Farbensymbolik zu wenden.