Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar. Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Görz hatte er das Glück, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar vorgestellt zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung, verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den günstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin Amalia übertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt, nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung gründete sich auf das ziemlich allgemein verbreitete Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen von Sachsen-Weimar angenommen hatte. „Ich stehe nun,“ schrieb er, „in meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas für mich thun will, so ist's hohe Zeit; en attendant, und weil ich dieser Humoristin nicht sonderlich traue, bemühe ich mich, ne ipse desim mihi.“
Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, überhoben ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft, oder eigentlicher gesagt, für seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch die lebenslängliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn würde. Bis zu diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt, mit dem er sich schon während seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte.
Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen Geständniß nach, nichts weniger als drückend waren. Etwas Erfreuliches hatte für ihn aber doch die Nähe einer durch Geist und Herz ausgezeichneten Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für alles Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des Worts, empfänglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis feingebildeter Männer und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in ihrer Nähe um so freier entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den Hauptzügen ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine Liebe und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling, den Erbprinzen Carl August, der durch treffliche Anlagen und liebenswürdige Eigenschaften zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das Interesse für das Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen Zögling zu wecken und zu nähren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht stellte. Ein Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, „die Wahl des Herkules“ betitelt, feierte.
Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genährt durch die Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der berühmte Eckhof gehörte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich noch keine stehende Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht geradezu allen Werth absprach. Eine größere Wirkung hoffte er von der bisher gänzlich vernachlässigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn dieser Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt, seit er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen „Elysium“ gelesen hatte.
Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel „Aurora“ fand, als es, von Schweizer componirt, aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu einem größern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper „Alceste,“ die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt ward. Gleichzeitig schrieb er seinen „Versuch über das Singspiel.“ Wielands Freude über die günstige Aufnahme seiner „Alceste“ ward vermehrt, als der berühmte Gluck ihn aufforderte, für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben.
Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie durch ein literarisches Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte fast übermäßig in Anspruch zu nehmen drohte. Der sehr beliebte Mercure de France gab ihm die Idee zur Herausgabe einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: „Der deutsche Merkur“ erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst davon für die Zukunft eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in Prosa von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schönen Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile über die vorzüglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des „deutschen Merkur,“ stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene Hindernisse. „Ohne die Beihülfe unserer besten Schriftsteller vermag ich nichts,“ gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er für sein Journal zu gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine ununterbrochene Theilnahme am „deutschen Merkur“ zusichern zu können. Andere Schriftsteller, die ihm nützlich werden konnten, kannte er zu wenig; von mehreren wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie behaupteten. Unter seinen nähern Freunden und Bekannten mußte er sich die Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches ihm übrigens, da er nicht blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag übernommen hatte, bald durch eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß bereitete. Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: „er sei des Merkurs schon satt, noch ehe er begonnen.“ Von den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und That hülfreich zur Seite stand.
Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der Abonnenten bald nach der Ankündigung des „deutschen Merkur.“ Eine Auflage von 2000 Exemplaren war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des ersten Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und Jacobi hatte kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter, Bürger, Möser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger der Mangel an berühmten Namen, als die im „deutschen Merkur“ enthaltene Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so vielversprechend angekündigt worden war. Auf eine leidenschaftliche Gegenwirkung mußte Wieland gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er durch seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit denen zerfallen würde, die er für seine treusten Freunde hielt.
In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe seiner Kritik mit den Halberstädter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl, als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren Bürger, Hölty, Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Männer, die dem Göttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehörten. Völlig verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den die Göttinger Dichter damals in einer Uebersetzung griechischer Chöre der alten Tragiker angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die deutsche Poesie bald allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit, Regelmäßigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger Dichter bemerkte er: „Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen müsse, durch ihr Beispiel zu rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube führt.“ Durch solche Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich den von den Göttingern hochverehrten Sänger der Messiade traf, hatte Wieland jene jungen Männer so gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2. Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands „Komische Erzählungen“ den Flammen opferten.
Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des „Götz von Berlichingen“ zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrührend, doch einen Platz im „deutschen Merkur“ gefunden hatte. Das gespannte Verhältniß, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die „Leiden Werthers“, das Trauerspiel „Clavigo“ u.a. Schriften bewährte, ward noch gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen „Briefe über das Singspiel Alceste.“ Den Verfasser dieser Briefe wählte Goethe zum Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm gedichteten Posse: „Götter, Helden und Wieland.“ Statt dadurch gereizt, sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche und sittenverderbliche Tendenz der „Leiden Werthers“ hervorzuheben suchten, empfahl Wieland im „deutschen Merkur“ die gegen ihn gerichtete Schrift „allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen Standpunkten sorgfältig den auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig darüber mache, daß das Ding so schief sei.“ Dabei ließ Wieland es nicht bewenden. Auch eine früher versprochene Vertheidigung des „Götz von Berlichingen“ hielt er nicht zurück und ließ sie bald nachher im „deutschen Merkur“ drucken.
In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausführliche Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland sich gleich. Hinsichtlich der „Leiden Werthers“ vertheidigte er in seiner Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman „das Gemälde eines innern Seelenkampfes, wie ihn nur der entwerfen könne, der den Schöpfer des Hamlet und des Othello studirt habe.“ So hatte sich Wieland wieder ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner gefährlichsten Gegner zu werden drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten.