„Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen, als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für eins der wirksamsten Mittel, seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts.“
Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu nehmen, war Wielands unablässiges Bestreben. Bei der sich immer mehr ausbreitenden Aufklärung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, hielt er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck „die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden könnten.“ Nur einer einzigen Commotion, meinte er, bedürfe es, „um zehn oder zwanzig Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen.“
Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht getäuscht. Noch vor dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den Ausbruch der französischen Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie mächtig dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung niederlegte. Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das Zeugniß geben, daß „in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die öffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme.“
Die Hauptmaxime, die ihn „in seinem Urtheil über die menschlichen Dinge“ leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. „Nie vergesse ich,“ schrieb er, „daß Menschen in allen Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger, als Menschen sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut oder schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, daß ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen zutrauen sollte. Daher kommt es, daß ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darüber formalisire, wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder stoische Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, noch consequenter, noch uneigennütziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte.“
Von den Greueln der französischen Revolution wandte sich Wieland mit Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mächtiger in ihm. Rühmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. „Was kann,“ schrieb er, „deutscher Patriotismus anders seyn, als das aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwärtigen Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische Dichter von den Landleuten sagt: Felices sua si bona norint! Glücklich, wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht hätte; wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man erst fühlt, wenn man sie verloren.“
Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verübelten. Gegen den Vorwurf, „die Schuster- und Schneider-Aufklärung befördert zu haben,“ vertheidigte sich Wieland mit den Worten: „Meiner geringen Meinung nach, ist das Beste für den Schuster — Schuhe zu machen. Sollte aber — was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit ist — ein Schuster glauben, daß er auch ultra crepidam etwas Gemeinnütziges oder ein Wort zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der für die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl leiden, in mehr als dreißig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die Wahrheit zu hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame, mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne daß ein Mensch etwas dagegen einzuwenden hatte? — Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem Bürger, als heut zu Tage!“
Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn, einen guten Zweck verfolgt zu haben, mußte ihn trösten. Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen „Gesprächen unter vier Augen“ durch den Vorschlag: das demokratische Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung — Buonaparte zum Dictator ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines Lebens lag.
Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurückgeführt in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder, Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der Unterhaltung. Ländliche Feste und Schauspiele, in denen die eben genannten Männer, nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schloß zu Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz wählte, lieferte Wieland in seiner „Pandora.“ Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch in dem noch handschriftlich erhaltenen „Tiefurther Journal“ nieder.
In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen konnte. Noch in späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen Cirkeln angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit behielten. Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der völligen Zufriedenheit mit seiner Lage paßte auch für seine spätern Lebensjahre. Jenes Schreiben enthielt das Geständniß: „In einer erwünschten Befreiung von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir selbst, ein unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt durch die Gnade meines Fürsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen.“
Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich „umgeben von einer zahlreichen, um ihn her theils aufblühenden, theils noch aufkeimenden Familie, die seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfältige und durch die süßen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr einförmiges Leben vor Stockung bewahre.“ Fühlbar mußte ihm jedoch werden, daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Fleiß verdoppeln mußte, wenn er für den anständigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie gehörig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren, lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn hatte er noch der Herausgabe des „deutschen Merkurs“ zu danken gehabt. Bei den meisten seiner frühern poetischen Werke hatte er sich mit einem Dukaten für den Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar für seine „Komischen Erzählungen“ gestand Wieland einem Freunde: „Jedermann, welcher weiß, daß in Frankreich dem mittelmäßigsten Reimer und Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or für den Bogen bezahlt werden, lacht mich aus, daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen.“