Mit solchen Kraftäußerungen harmonirte Schillers Freimüthigkeit in der Beurtheilung seiner selbst und Anderer. Eine blondere Veranlassung, diese Freimüthigkeit zu zeigen, bot sich ihm dar, als der Herzog von Würtemberg 1774 verlangte, daß unter den altern Zöglingen seines Instituts jeder nicht nur von sich, sondern auch von allen Genossen seiner Abtheilung eine schriftliche Charakteristik entwerfen sollte. Sowohl die Fehler, als die Fähigkeiten und Lieblingsneigungen der einzelnen Zöglinge, besonders aber eines Jeden Betragen gegen die Lehrer und Inspectoren sollten, nach der Ansicht des Herzogs, in jener Charakteristik genau angegeben werden. In den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachträgen zu Schillers Werken haben sich die Schilderungen erhalten, die der damals funfzehnjährige Jüngling von mehren seiner Mitschüler entwarf. Jene Schilderungen waren nicht blos Beweise seiner feinen Beobachtungsgabe; sie zeigten auch seine redliche, wohlwollende und freimüthige Gesinnung im schönsten Lichte. Von manchen seiner Mitschüler bekannte er offen: die Ehrerbietung gegen ihre Vorgesetzten grenze an Niederträchtigkeit.
In der Schilderung, die er von sich selbst entwarf, verschwieg er nicht seine vorherrschende Neigung zur Poesie. Freimüthig gestand er: "daß er in manchen Stücken noch fehle, daß er eigensinnig, hitzig, ungeduldig sei, daß er aber auch ein aufrichtiges, treues und gutes Herz habe." Die mißfälligen Aeußerungen seiner Freiheitsliebe suchte er durch sein edles Gemüth zu entschuldigen. Am Schluß seiner Selbstcharakteristik unterdrückte er nicht das Geständniß, daß er sich weit glücklicher fühlen würde, wenn er dem Vaterlande als Theolog dienen könnte. Daß er dem geistlichen Stande entzogen worden, beklagte er oft. Auch in spätern Jahren verband er etwas Großes und Erhabenes mit der Vorstellung, vor einer versammelten Gemeinde über die wichtigsten Angelegenheiten des Menschen zu sprechen.
Wie Schillers Mitschüler über ihn urtheilten, zeigt ein noch erhaltener Aufsatz eines seiner Jugendfreunde. Seine Neigung zur Poesie, besonders zur tragischen, wird in jenem Aufsatze besonders hervorgehoben. Seinem Betragen nach wird er als sehr lebhaft und lustig, dabei aber zugleich auch als bescheiden, schüchtern und freundlich geschildert, mehr in sich selbst, als äußerlich vergnügt, nie ganz mit sich selbst, doch mit seinem Schicksal zufrieden. Das Letztere konnte schwerlich der Fall seyn. Mit seinen poetischen Beschäftigungen stand das von ihm gewählte Studium einer so trocknen Wissenschaft, wie die Jurisprudenz, in der furchtbarsten Disharmonie. Seine Phantasie, von poetischen Bildern, Träumen und Plänen fortwährend bewegt, konnte durch die Geschichte der in Deutschland geltenden Rechte eben so wenig gefesselt werden, als durch spätere Collegien über das Naturrecht und über das römische Recht. Von seinen juristischen Lehrern ward er daher für einen talentlosen Menschen gehalten, dessen Fähigkeiten zu keinen großen Erwartungen für die Zukunft berechtigten. Fleißiger, als das Studium der Rechte, betrieb er den fortgesetzten Unterricht im Lateinischen und Griechischen, in der Geographie, Geschichte und Mathematik. Anziehend waren für ihn besonders die Elemente der Philosophie. Doch hatte er auch in den neuern Sprachen hinlängliche Fortschritte gemacht, um die französischen Classiker ohne Schwierigkeit lesen zu können.
Glücklicherweise fand Schiller 1775 durch eine Erweiterung der Karlsschule Gelegenheit, die ihm lästige Jurisprudenz mit einem andern Studium zu vertauschen. In den Kreis der bisherigen Lehrgegenstände war um diese Zeit auch die Medicin gezogen worden. Schiller entschloß sich, diese Wissenschaft zu studiren und sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu wählen, wahrscheinlich, wie einer seiner Jugendfreunde erzählt, durch die Ansicht geleitet, daß Psychologie und die damit verwandten Kenntnisse ihm in dramatischer Hinsicht förderlich seyn könnten. Nach einer andern Nachricht entschloß sich Schiller zur Medicin durch die seinem Vater von dem Herzog eröffneten Aussichten einer schnellen Versorgung seines Sohnes.
Hätte auch Schillers neues Studium ein noch höheres Interesse für ihn gehabt, als dies, wenigstens anfangs, der Fall war, so konnte es ihm doch keine Entschädigung darbieten für den Druck der Fesseln, die überall den Aufschwung seines Geistes lähmten. In ihm lebte ein hohes Freiheitsgefühl, dem er sich mit ganzer Seele hingab, wenn es ihm dann und wann gelang, den engen Mauern zu entschlüpfen, die ihn mit der Welt und ihren Verhältnissen in gänzlicher Unbekanntschaft erhielten. Der Plan, den er mit einigen Freunden 1775 zu einer heimlichen Flucht entworfen hatte, mißlang, ohne verrathen worden zu seyn, doch gänzlich. Schiller mußte sich mit dem Trost begnügen, wie bisher, der Menschen Thun und Treiben aus der Ferne zu belauschen.
In seiner Einsamkeit blieb die Dichtkunst seine Lieblingsbeschäftigung. Außer Klopstock, für den er noch immer eine besondere Vorliebe zeigte, waren Uz, Haller, Lessing, Gerstenberg und Goethe die Dichter, deren poetische Schöpfungen ihn am meisten ansprachen. Den tiefsten Eindruck auf sein empfängliches Gemüth machten Werthers Leiden. Als dieser Roman im Kreise einiger seiner vertrautesten Freunde vorgelesen ward, entwarfen sie, von jugendlicher Begeisterung ergriffen, sogleich den Plan zu einem zweiten Werther, der freilich ungeschrieben blieb. Schwer möchten die Empfindungen zu schildern seyn, von denen Schiller bei dem Anblick Goethe's ergriffen ward, der den Herzog von Weimar begleitete, als dieser Fürst die Karlsschule besuchte. Wie hätte ihm damals nur eine Ahnung kommen können, daß zwischen ihm und dem Verfasser des Werther sich einst ein Freundschaftsband knüpfen werde! Als einfaches sinniges Gemälde schöner Jugendliebe sprach ihn auch Millers Siegwart an, und Stunden lang schwärmte er, am einsamen Gitterfenster sitzend, in den durch jene Klostergeschichte in ihm erregten Gefühlen.
Schiller wollte indeß nicht blos genießen, er wollte auch selbst produciren. Nahe lag ihm und seinen gleich gestimmten Freunden die Idee, mit den Mustern zu wetteifern, die durch tiefe Blicke in das Innere der Seele, wie durch Reichthum der Phantasie und der Sprache, der Dichtkunst einen neuen Schwung zu geben suchten. Mit seinen Freunden kam Schiller überein, daß sie sich in die aus den verschiedenen Gattungen der Poesie gewählten Stoffe theilen wollten. Petersen machte sich anheischig, ein rührendes Schauspiel zu dichten; v. Hoven wollte ein Seitenstück zum Werther und Scharffenstein versprach ein Ritterstück. Schiller selbst war wegen des Süjets, das zu einer Tragödie paßte, längere Zeit in so großer Verlegenheit, daß er, nach seiner eignen Aeußerung in spätern Jahren, damals seinen letzten Rock und Hemde für einen dankbaren Stoff würde hingegeben haben.
In solcher Stimmung fiel ihm ein Zeitungsblatt in die Hände, das eine Nachricht von der Selbstentleibung eines Studenten in Nassau enthielt. Sein theilnehmendes Herz und seine lebhafte Phantasie fand in diesem Ereigniß sogleich die Grundlage zu einer Tragödie, die den Titel: "der Student von Nassau" erhielt. In spätern Jahren soll er bedauert haben, daß er diesen ersten dramatischen Versuch, dessen vielfache Mängel ihm bald einleuchteten, wieder vernichtet hatte. Jenes Trauerspiel war ein merkwürdiges Document der ersten glühenden Wärme seines Gefühls. Auch ein zweiter dramatischer Versuch Schillers, "Kosmus von Medicis", hat sich nicht erhalten. Diese Tragödie soll dem von Leisewitz gedichteten Trauerspiel Julius von Tarent sehr ähnlich gewesen seyn. Einzelne Gedanken und Situationen nahm Schiller später in seine "Räuber" auf.
Hauptsächlich dem Freiheitsdrange hatte Schiller in den erwähnten dramatischen Versuchen Luft gemacht. Aber auch sein Herz verlangte Befriedigung. Er fand sie, noch immer wieder zu Klopstocks Poesie zurückkehrend, in lyrischen Ergießungen. Sein erstes Gedicht dieser Art, in den Nachträgen zu seinen Werken enthalten, und "Schilderung des menschlichen Lebens" überschrieben, entstand 1775, zu einer Zeit, wo trübe Erfahrungen und die peinliche Unruhe der erwachenden Denkkraft den Frieden der Seele des damals sechszehnjährigen Jünglings schon untergraben hatten. Psychologisch merkwürdig war dieß Gedicht, weil Schiller darin schon im Allgemeinen die Zerwürfnisse angedeutet hatte, die er später mit gewaltsamem Ungestüm in den "Räubern" zur Sprache brachte.
Ganz im Geiste Klopstocks war eine zweite lyrische Ergießung, die unter
der Ueberschrift: "der Abend", eine Stelle in Balthasar Haug's
Schwäbischen Magazin vom Jahr 1776 fand. Es war eine Art von Hymne an
Gott, voll religiöser Empfindung und mit einer ungewöhnlichen Kraft und
Energie der Sprache gedichtet. Dies mochte der Herausgeber des
Schwäbischen Magazins gefühlt haben, weil er in einer Anmerkung dem jungen
Dichter ein "%os magna sonaturum%" prophezeihte. Schiller sprach einige
Jahre später ein wegwerfendes Urtheil über dies Gedicht aus, als ihn ein
Jugendfreund daran erinnerte. "Damals", sagte er, "war ich noch ein Sklave
Klopstocks."