Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber empfunden hast, und es in einem so fremden vehiculo ohne fremden, vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht. Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele."
In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut."
Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des Publici brennen lassen."
Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre", schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen, und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus, um die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's Bockshorn zu jagen."
Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band, der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als sonst vielleicht geschehen wäre."
Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen. Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes, der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit, Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf, dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen."
Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel" vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu."
Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen. Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt", und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle. "A propops", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest, die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn."
Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden."
Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni 1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt, herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl, die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt."