Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst, sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht. Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich wieder: Hic est aut nusquam, quod quaerimus." Auf ähnliche Weise äußerte sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre."
Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles. Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten."
Näher, als diese religiösen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erwähnt, in den Kreis seiner Forschungen gezogen. "Ich freue mich", schrieb er den 23. April 1784 an Merk, "daß du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe die Zeit über auch Verschiedenes in anatomicis, wie es die Zeit erlauben wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren können." In einem spätern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb Goethe: "Schicke mir den Schädel deiner Myrmecophaga sobald als möglich; du erzeigst mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem docto corpore zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fortgefahren, immer weiter treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch für mich behalte." Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen suchte, "daß den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern Kinnlade zuzuschreiben sei."
Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Beschäftigungen zu schlummern. Die früher erwähnten Anfänge des "Wilhelm Meister" hatten lange geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverhältnisse und seine Thätigkeit, als die Huld seines Fürsten ihm vergönnte, das Land zu sehen, das von frühester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen. Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gemüth die gleiche Empfänglichkeit für das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer Sinn für Natur und Kunst die vollste Befriedigung.
Das unvollendete Manuscript seiner "Iphigenie" hatte Goethe nach Italien mitgenommen. Dieser erste Entwurf, völlig abweichend in der Form, die jenes Schauspiel später erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) veröffentlicht worden. Goethe schrieb darüber den 8. September 1786: "Das Stück, wie es gegenwärtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausführung; es ist in poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenmaßen ähnelt. Dies thut freilich der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch gewisse Kunstgriffe diese Mängel zu verbergen weiß. Herder legte mir dies so dringend an's Herz, und da ich meinen größern Reiseplan ihm, wie Allen, verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer spöttisch äußerte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem Packet, und nehme sie mit mir in das schöne warme Land als Begleiterin. Der Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört, und die herrlichen Bilder der Urwelt verdrängen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr, von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor."
Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. "Ich bin hier," schrieb er, "gut logirt in der Königin von England, nicht weit vom Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen Häusern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Brücke, und gegenüber ein schmales, belebtes Gäßchen. So wohn' ich, und die Einsamkeit, nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen; denn nirgends fühlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen ganz unbekannt, durchdrängt."
Ermüdet von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Canälen, Brücken und Brückchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere Menschenmasse über den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch den nördlichen Theil des großen Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den Marcusplatz. Er überließ sich seinen einsamen Betrachtungen. "So war ich nun," schrieb er, "auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie jeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wußte, als von diesen Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich umgiebt, ist würdig, ein großes Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter unehrwürdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes Daseyn hat."
Einen genußreichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo. Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet des im Allgemeinen braven Spiels. "Indessen," schrieb er, "hab' ich doch wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat für die Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz ist, und wider den Willen des Declamators in die Höhe schlägt."
Lebhafter, als für die italienische Bühne, interessirte sich Goethe für die Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, "wie ein Geist aus dem Grabe hervorstieg." Fleißig studirte er den Vitruv, Palladio und andere Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehntägigen Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verließ, und über Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom reiste, glaubte er sich das Zeugniß geben zu können: "Ich bin nur kurze Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam zugeeignet, und weiß, daß ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme."
Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gemälde Raphael's, die er in Bologna betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19. October 1786: "Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht aussprechen möchte.—Da ich einmal dieser süßen Bürde gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir führe, so kann ich nicht verschweigen, daß zu den großen Kunst- und Naturgegenständen, durch die ich mich durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich meine Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist führte mir das Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mußte es ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet: Electra, in gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schließliches Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erzählt, wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode führen sehen, und sich glücklich gerettet habe. Die leidenschaftliche Electra kennt sich selbst nicht, und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar merkwürdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten, wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie dem Altar wieder entreißt, Iphigenie'n zu ermorden, als eine glückliche Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet." Wenn diese Scene gelänge, meinte Goethe, dürfte nicht leicht etwas Größeres und Rührenderes auf der Bühne gesehen worden seyn. "Aber," fügte er hinzu, "wo soll man Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig wäre?"