Goethes Mutter, Catharina Elisabeth, eine Tochter des früher erwähnten Schultheißen Johann Wolfgang Textor, besaß keine gelehrte Bildung im eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch beschäftigte sie sich, wenn sie das Hauswesen pünktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenthümliche Scheu hatte sie vor heftigen und gewaltsamen Gemüthseindrücken, die sie in allen Lagen ihres Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Nachdrücklich schärfte sie ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrießliches oder Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, daß sie, als ihr Sohn, der Dichter, längst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gefährlich erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespräch auf einen Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichgültig seyn konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutmüthig von Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf gerügt haben würde. Eine nie versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in spätern Lebensjahren der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in höherem Alter ein langes Krankenlager ihre Kräfte erschöpft hatte und ihre bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft bittere Vorwürfe über ihre Ungeduld im Leiden. "Ich habe mich," schrieb sie, in [sie, in] ihrem eigenthümlichen Frankfurter Dialect, "recht derb ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, schäme dich, alte Räthin! Hast gute Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mußt, wenn die bösen kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so übel Gesicht machen. Was soll das mit dir vorstellen, daß du so ungeduldig und garstig bist, wenn der liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und bist über's Ziel, bist über siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachlaß gekommen und ist besser geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war." Ihren Gatten überlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den 13. September 1808.

Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe übergegangen. Er war ein munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine Spielkameraden, die Söhne des dem elterlichen Hause gegenüber wohnenden Schultheißen v. Ochsenstein, ließ er sich einst verleiten, mehrere Schüsseln und Töpfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf die Straße zu werfen, und freute sich herzlich über das dadurch verursachte Geräusch. Einen günstigen Einfluß auf seine früh erwachte Wißbegierde, die ihn zu mancherlei Fragen über die verschiedenartigsten Gegenstände antrieb, hatte seine Großmutter väterlicher Seite, Cornelia, eine sanfte, wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.

Früh entwickelte sich in dem Knaben der Sinn für die Schönheiten der Natur, die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er über die Stadtmauern und Wälle die schöne und fruchtbare Ebne nach Höchst hin überschauen konnte. Oft ergötzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste ahnungsvolle Gemüthsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gefühl der Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem düstern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater frühzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt, trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus Furcht ihr einsames Schlafzimmer verließen und sich in die Kammern des Gesindes flüchteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an, indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht überwänden, Obst und allerlei Näschereien versprach.

Die Betrachtung von Gemälden und Prospecten, die sein Vater aus Italien mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Großmutter ihn an einem Weihnachtsabend überraschte, beschäftigten in mehrfacher Weise Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine an Alterthümern und Merkwürdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend lernte Goethe auf mancherlei Streifzügen kennen, die er mit einigen Schulkameraden unternahm. An der Mainbrücke fesselte seine Aufmerksamkeit das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abwärts segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war für ihn das Rathhaus, der sogenannte Römer, mit seinen gewölbten Hallen und besonders dem zur Wahl und Krönung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den Brustbildern Karls des Großen, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., Günthers von Schwarzburg und anderen hohen Häuptern geziert war.

Von der Außenwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen Hause zurück, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und verschönert worden war. Seine Wißbegierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters Bibliothek, die außer mehreren juristischen Werken, auch Schriften über Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es waren jedoch, außer Virgil, Horaz u.a. römischen Classikern, größtenteils italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei seiner Unkenntniß der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte. Einen immer neuen Genuß gewährten ihm die Gemälde und Landschaften von Trautmann, Schütz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter Künstlern. Diese Gemälde, früher hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn für die Kunst ward zuerst geweckt durch die Betrachtung jener Werke.

Nur durch anhaltenden Fleiß und Wiederholung des Gelernten war Goethe's Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr schätzte er das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe und ein treffliches Gedächtniß bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich vorzüglich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine schriftlichen Aufsätze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk belohnte seinen Fleiß. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit mehreren Knaben seines Alters erhielt, förderte ihn wenig, da die von seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenständen einzuflößen. Ueberdieß beschränkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erklärung des Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.

Durch das Lesen deutscher Dichter bemächtigte sich seiner, wie er in spätern Jahren gestand, "eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth." In dem Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche großen Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekränkt, als einer seiner Mitschüler durch höchst mittelmäßige Verse ihm seinen Dichterruhm streitig zu machen suchte. Darüber entrüstet, stockte seine poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgefühl und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit über seine Anlagen und Fähigkeiten beruhigte.

Reiche Nahrung für seine Wißbegierde fand Goethe in dem Orbus pictus, in Merians Kupferbibel, in der Acerra philologica und ähnlichen Werken, die damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten. Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entwürfen. Eine wohlthätige Wirkung auf sein Gemüth verdankte er den moralischen Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung schöpfte er ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt durch die anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder, die schöne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und ähnliche Volksbücher.

Dieser anmuthigen Lectüre mußte Goethe, als sie kaum begonnen, wieder entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeußerung einer seiner Tanten: "Ach, Wolfgang, wie häßlich bist Du geworden?" kränkte ihn um so mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zurückgelassen hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch Gelegenheit, sich im Stoicismus zu üben. Einigen Trost gewährte es ihm, daß er auf seinem Krankenlager an seinem jüngern Bruder Jacob, der in der Blüthe seiner Jahre starb, einen Leidensgefährten hatte.

Seines Vaters Strenge nöthigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden das während der Krankheit Versäumte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner Großeltern und ein daran stoßender Garten in der Friedberger Straße bot ihm dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen. Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante, Maria Melber, der Gattin eines Gewürzhändlers, die ihn mit allerlei Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer geistiger Genuß sich ihm darbot. In der Büchersammlung jenes gelehrten Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf das poetisch gestimmte Gemüth des Knaben.