Garten vor Alys Schloß, blühend und von der Morgensonne beleuchtet. Zuleima liegt betend vor einem Christusbilde. Sie steht langsam auf.
Zuleima. Und doch liegt noch die Sorg' auf dieser Brust!
Mein Herze zittert noch. Ist es vor Freude,
Daß er noch lebt, den ich als tot beweint?
Nein, nicht vor Freude, die verträgt sich nicht
Mit meinem heil'gen Eid, mit dem Versprechen,
Das ich dem frommen Abt des Klosters gab.
Almansor ist zurückgekommen! Wenn
Mein Vater das erfährt — wird nicht sein Zorn
Den Sohn des Todfeinds treffen? Noch erlosch nicht
Sein Groll, noch liegen lauernd in der Brust ihm
Viel schlimme Geister, die mit Wut entsteigen,
Wenn nur sein Ohr Abdullahs Namen hört.
Was hat Abdullah ihm getan? Mein Vater
Ist sonst so mild! Ich hab' ihn oft behorcht;
Des Nachts durchwandelt er des Schlosses Gänge,
Mit bloßem Schwert, und ruft: „Abdullah, komm,
Wir wollen fechten, Blut will Blut“ — Almansor!
Dich darf er nimmer schau'n, entflieh! entflieh!
Der Väter Feindschaft bringt den Kindern Tod.
Mit meinem Schleier will ich dich umhüllen,
Daß meines Vaters Blick dich nimmer treffe.
Ich seh' dich in Gefahr, und es erwachen
All die Gefühle, die mich einst bewegten,
Als wir noch Braut und Bräut'gam kindisch spielten,
Als du den morschen Apfelbaum erklettert,
Als ich dich weinend, und mit bangen Bitten,
Herunterlockte von der schlimmen Höh'.
(Sinnend.)
„Tot ist Almansor“, sagten böse Leute,
Und böser Kunde glaubte böses Herz,
Und Braut des fremden Mannes ward Zuleima!
Ich will dich lieben, wie man liebt den Bruder, —
Sei mir ein Bruder, lieblicher Almansor!
(Sie sieht zur Erde, und seufzt: „Almansor!“)
Almansor ist unterdessen hinter Zuleima erschienen, naht sich derselben unbemerkt, legt beide Hände auf ihre Schulter, und lächelnd seufzt er im selben Tone: „Zuleima!“
Zuleima (dreht sich erschrocken um, und betrachtet ihn lange). Du hast dich viel verändert, mein Almansor.
Du siehst fast aus wie'n starker Mann, doch hast du
Die wilden Knabensitten nicht vergessen,
Und störst mich wieder, ebenso wie sonst,
Wenn ich mit meinen Blumen heimlich spreche.
Almansor (heiter lächelnd). Sag' mir, mein Liebchen, welche Blume ist es,
Die jetzt „Almansor“ heißt? Ein trüber Name,
Der nur für Trauerblumen passen könnt'!
Zuleima. Sag' mir zuvor, du wilder, finstrer Buhle,
Wer war der schwarze Sprecher diese Nacht?
Almansor. Es war ein alter Freund, du kennst ihn gut.
Der alte Hassan war's, der vielbesorgt,
Wie'n treues Tier, gefolget meiner Spur.
Leg' ab, mein süßes Lieb, die finstre Miene,
Den schwarzen Flor, der deinen Blick umdüstert.
Wie'n Schmetterling die Raupenhülle abstreift
Und leuchtend bunt entfaltet seine Flügel,
So hat die Erde abgestreift das Dunkel,
Womit die Nacht ihr schönes Haupt umschleiert.
Die Sonne senkt sich küssend auf sie nieder;
Im grünen Wald erwacht ein süßes Singen;
Der Springborn rauscht und stäubet Diamanten;
Die hübschen Blümlein weinen Wonnetränen; —
Das Licht des Tages ist ein Zauberstab,
Der all die Blumen und die Lieder weckte,
Der selbst Almansors Seele konnt' entnachten.