Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices Wagemut vorstellig zu werden. Er wußte, daß er sie damit nur um so trotziger machen würde. Ganz nur mit dem gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er jede Bedenklichkeit: er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter Körper schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.
Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen das Dach absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, gegen die Wand gelehnt, einen Augenblick Seite an Seite veratmen konnten. Wenn er sich auf die Fußspitzen erhob, streifte er mit den Händen an das Glockengerüst. Er suchte es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, um zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. Die Balken, einer etwas höher als der andere, aber in gleicher Richtung, bildeten eine notdürftige Bank.
Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm hielt er sich, mit dem anderen half er Alice und setzte sie mit einer letzten, ruckhaften Anstrengung neben sich — fast leidenschaftlich-heftig, wie ein unartiges Kind, das in Teufels Namen seinen Willen haben muß.
„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen ganz guten Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend hervor.
„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” spottete er ingrimmig. „Fassen Sie die Planke da gefälligst fester,” kommandierte er, „sonst segeln wir in die Tiefe.”
„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung an. Sie saßen eng aneinandergedrängt; die Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den Rücken legen müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung des Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. Er spürte die losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf seiner Wange.
„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich die Aussicht ansehen?” meinte er erregt.
Es war in der Tat schön da oben.
Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes übersah man flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen schwer und schwarz über den Tannenkuppen. Blitz auf Blitz zuckte daraus hervor und riß die verdunkelte Landschaft in grelles, phantastisches Licht. Der Donner rollte ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, auf die man heruntersah, und der Regen fuhr in langen, glitzrigen Strichen nieder.
Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, Perthes ruhiger zu machen. Während er mit vom Staube brennenden Augen hinausstarrte, fühlte er, wie die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. Er vermied es krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, scharfes Wesen war die letzte Schanze, die er zwischen sich und ihr aufwarf und verteidigte.