Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,” überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie überarbeiten sich!”
„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!” versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu strafen.
„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner, lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”
Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem Signal leicht und glatt davon.
„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu, während sie ins Haus zurücktraten.
Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde, halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts, seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben — er hätte bestenfalls ein Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen.
Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...
Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes, ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung, er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig, ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung und Zurücksetzung, die kommen würden — wie winzige bösartige Insekten wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde!
Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere, Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren Sehnsucht sein würde — ein Königreich gegenüber allem, was er an äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn. Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn hätte emporheben müssen — sie war nur ersprungen, nicht erschritten und erlebt.
Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt — jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...