Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht in weite Ferne, die verblüffende Großmut des sonst so gestrengen und in pecuniis genauen Papa Richthoff unter der Bande wie eine Bombe eingeschlagen. Dermalen war die Freude natürlich gedämpft, die Verwunderung zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man in dem verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: ein frischer Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl schlüpfte herein.

Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. Was sie über Margas von ihr vorausgesagtes Unglück empfand, eine wenn auch schmerzliche Genugtuung, hatte sie taktvoll nur ihrem Tagebuch anvertraut. Dafür erging sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen über die Wunder, die eine Ortsveränderung an einem beschwerten Menschenherzen immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für die beiden Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich gönnte.

Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, schmächtigen Sonnenschein wie ein Kätzchen, das sich auf gut Wetter putzt. In einem allmählichen Crescendo, das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, aber Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus die Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich jetzt wieder einer handgreiflichen Aufgabe gegenüber: sie konnte nun mal Marga in ihre alleinige Behandlung nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. Wie man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter Wasser setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. Sollte es nötig sein: sie wollte nicht nur das Rittergut Güstow mit Onkel und Tante Thiele samt den unzählbaren Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf den Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten begann sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen Augenblick allein. Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam und wachsam zugleich. Ihre Plappermaschine, durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem Verrosten nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, das ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten an der nahen Küste, Überlandpartien in Kutsche und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen ausschmückte, war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die sie vor Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war Gut Güstow nicht zu gewinnen. Papa hatte an einen befreundeten Kollegen geschrieben, wo sie einquartiert werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli drei bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, mal was Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. Das mußte auch Papa einsehen. Nicht schon jetzt, aber im geeigneten Moment, wenn man ihm eine entzückte Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow depeschierte man — Elli depeschierte in der Einbildung öfter als alle europäischen Kabinette — und bat um Frist. Dann — oh, es war unbeschreiblich, in welchen Strudel von Genüssen man sich dann stürzte! Stürzte mit der grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, unverdorbenen Mädchengemüt Ellis einflößte — schon aus der Ferne. Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, Zoologischer Garten, Kaiser sehen, Warenhausbummel, Unter den Linden, Friedrichstraße, Potsdam, Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte sich und prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die Luft.

Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings einstweilen sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich Marga vollständig gleichgültig. Wie eine blasse Wand, auf die man die buntesten Bilder der Wunderlaterne geworfen hat, war sie nachher so stumm und leblos wie vorher. Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim Einpacken. Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren Antworten man ihr in den Mund legte. Sie war mit keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war nicht einmal sicher, ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte. Trotzdem stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, das sie erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. Und als es ihr gar gelang, den Tag vor der Abreise durch eine bis dahin nicht dagewesene Brillantvorführung von Berliner Genüssen Marga ein Lächeln — nicht zu entlocken, sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die Küche, wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und dann stürmte sie, alles Herkommen außer acht lassend, in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so blitzgewaltig, daß der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte in die Höhe fuhr.

„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! Beinahe gelacht!” verkündete sie schallend.

Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten konnte, war sie wie die Windsbraut wieder draußen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das Ereignis stand in keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu den Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. Aber bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr sogar. Und der alte Herr lächelte hinterdrein auch.

Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es war gepackt. Die allernötigsten Besprechungen konnten noch beim Abendbrot erfolgen. Zwischendrin mußte nach Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. Damit einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga einen Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem guten, alten Nest, das einem schon jetzt furchtbar klein und provinzmäßig vorkam.

Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. Sie fühlte sich, wenn sie sich überhaupt wohl fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal willigte sie überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.

Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die Sonne schien rotgolden und wehmütig aus dem halb klaren, halb federwolkigen Himmel. Der Wind pfiff scharf um die Straßenecken. Fest und schützend drückte sich Elli an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. Fast flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig. Eben rasselte ein Kettendampfer unter der Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in den Wind hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um durch den Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten Lastkähne, mit rotem Sandstein befrachtet, schaukelten in endloser Reihe hinter ihm drein.

Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick stehen und warfen einen Blick über das Geländer. Auch Elli hielt eine Sekunde an und schaute hinunter.