„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.
In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten Besucher.
Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern — Offizieren, Studenten, Akademikern — sah er seine Frau.
In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...
Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen wie ...
Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu gehen! Gott — erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas länger grollen ...
Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden. Er wartete auf Alice.
Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht.
Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam sie gegen Mittag heim.
Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...