„Wie mißtrauisch Sie sind!”
„Mißtrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr Doktor Perthes, da gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! Die ist die Offenste von uns allen! Aber sie flunkert auch! Die schlechte Nachbarschaft —” Sie zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber.
„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga vorwurfsvoll ein.
„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du kennst Herrn Perthes nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich die Menschen in- und auswendig, wenn sie noch nicht zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!”
„Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir Genugtuung schuldig. Ich möchte schon immer gern wissen, wer ich bin.” Perthes legte etwas Spöttisches in seine Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten konnte.
Marga schüttelte leise den Kopf. „Nein, nein — Sie müssen sich selber am besten kennen.”
„Muß ich das?” erwiderte er im selben Ton wie zuvor.
„Dafür sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, entschiedene Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot. Ihr Mund war fest geschlossen. Nur das Zittern ihrer Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung. Warum quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte ihm daran liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte er sich hartnäckig und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, um sich und sie zu ergründen? Gewiß, er dachte sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser spielerischen Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig auszugeben, verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke in ihr Gehäus.
Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und ernsthafter als sonst. „Dafür sind Sie doch ein Mann” — was hieß das? War das ein Zweifel an seiner Reife? Oder war es eine Anerkennung? Dieses so stille und so klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige, aus Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme gemischte Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil es ihn reizte. Der Widerspruch zwischen seiner eigenen Zerrissenheit und ihrer ruhigen Geschlossenheit brachte bei ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das Peinliche überwog das Anziehende. Bah — er würde sich wohl von einem jungen Mädchen imponieren lassen! Was war rätselhaft an ihr? Höchstens, was er aus seiner eigenen Phantasie hinzutat. Sie war wie andere Frauen: nur durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte sich physiologisch wie alles Weibliche.
Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren Wilkens, der um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy Wilmanns den Hof machte, entrüstet zur Rede zu stellen. Wilkens erklärte mit seiner heiteren Unverwüstlichkeit, da er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal ein Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach rechts flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze Minute lang. Dann fand sie sich mit Wilkens in einem versöhnend-heftigen Händedruck unter dem Tisch. Nach dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu Perthes. „Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß das Gespräch zwischen ihm und Marga bedenklich im Stocken war.