Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit Absicht schlecht machte. Er übertrieb. Er wollte sein objektives Medizinertum hervorkehren. Er tat sich und anderen mit Bewußtsein wehe. Die Erkenntnis dieser Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte sie mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen. Mit unwiderstehlicher Macht überkam sie das Gefühl ihrer Einsamkeit inmitten all der fremden, geräuschvollen Menschen, die in einer Welt lebten, die nicht die ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden Mantel hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück und richtete die Augen in die Ferne.
Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas Wesen wenn auch nicht ganz erfaßte, so doch kannte und achtete, drang nicht weiter in sie.
Auch Perthes verstummte.
„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter mit tadellosem Komment und unverkennbarer Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte mit halbem Ohr die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres medizinisches Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung zu dem Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit ausdrücken.
Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem Zug hinunter. Seine Stirn hatte sich verfinstert. Er war verärgert. Er haderte mit sich, weil er sich hatte fortreißen lassen.
Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer an zwei verschiedenen Tischen an die Gläser klangen.
Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben sich miteinander und maßen sich mit erstaunten Blicken: es waren Professor Borngräber und Professor Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um die oratorische Palme rangen.
Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber gerade seinen vielverleumdeten griechischen Reisefreund konnte er nicht ohne Verblüffung als Rivalen auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm überdies aus der Ferne einen so flehenden Blick zu.
„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund Jakobus langweilen!” murmelte er mit trockener Gutmütigkeit und setzte sich wieder.
Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen Stimme. Er zitierte einen indischen Spruch über die Freuden der Häuslichkeit. Man durfte hoffen, er würde von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt. Jakobus Borngräber war nicht der Mann der geraden Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen Sprichwort, das mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser zusammenhing, fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade dieses Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse geraten war. Das Unheil war da: er vergaß völlig seine ursprüngliche Absicht, entwickelte mit einer zähen Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten Verhältnis zu seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider Auffassungen und geriet in eine Vorlesung über vergleichende Textkritik.