„Hast du sie gesehen?“ fragte der Bruder, auch leise. „Geht es ihr denn schlecht?“

Er war bei dem Haus, wo er eine Stunde geben sollte, aber er ging vorüber. Der Knabe flüsterte jagend sein brünstiges Geheimnis.

„Ich würde für sie betteln oder die Leute anfallen. Ich liebe sie, wie noch kein Mensch geliebt hat. Wenn ich von weitem sie kommen sehe, zittern mir die Knie; ich bin schon hingefallen, wo sie ging. Vorüber — da lauf’ ich, will sie packen und forttragen. Um vier Jahre älter zu sein als ich bin, gäbe ich den ganzen Rest meines Lebens! Du weißt noch nicht, was ich tue. Nachts schleiche ich mich in das Haus und liege vor ihrer Tür.“

„Sie läßt dich nicht ein?“ fragte der Bruder angstvoll; denn er fragte für sich.

„Ich war bei ihr. Ihr wurden die Sachen verkauft, Möbel und Kleider. Er gibt ihr nichts mehr. Er hat nichts mehr. Er liebt sie nicht, der Schuft. Im Gedränge kam ich mit hinein. Ich sah sie weinen wegen eines Kleides und habe es mit meiner Uhr bezahlt, damit sie es behielt. Da hat sie mich umarmt.“

Der Knabe blieb stehen, bleich und die Augen geschlossen.

„Dann hat sie mich fortgejagt.“

„Warum?“ fragte der Bruder. Der Knabe machte plötzlich lange Schritte. „Ich weiß es nicht,“ sagte er hastig, — aber er hatte es vor Augen, wie sie ihn fortstieß und ihm nachrief: „Dich kann ich nicht brauchen, du hast nichts!“ . . . Er sagte:

„Weil ich bezahlt hatte“; — und bei dem Wort zu ihren Ehren war es ihm, als küßte er sie.

Plötzlich mit Zorn: „Du aber, ihr Bruder, kannst Geld haben und bringst es ihr nicht. Was weißt du also!“