Ihr wahrer Beweggrund war einfach, daß sie es für verfrüht erachtete, sich mit ihm zu zeigen. Wenn man sie öffentlich an seiner Seite erblickte, würde man, das sah sie voraus, ihn gegen sie einzunehmen versuchen. Sie war sich noch keines so großen Einflusses auf ihn bewußt, um all die Geschichten zuschanden zu machen, die er über sie zu hören bekommen konnte. Sie hielt sich wahrhaftig nicht für eine unanständige Person; aber tatsächlich hatte doch jede allerlei Sachen hinter sich – sie waren ja eigentlich nicht der Rede wert, aber ein Mann, der es ernst meinte, durfte sie nun mal nicht wissen. Wenn die Männer vernünftiger gewesen wären, wieviel leichter hätte man es gehabt. Man hätte seinen kleinen Unrat unters Kinn gefaßt und ihm einfach erzählt: So und so. Nun aber hieß es schwindeln. Und das Schlimmste war, daß er hierbei auf dumme Gedanken verfallen und sich einbilden konnte, sie suche nur allein zu Hause zu bleiben, um sich ohne ihn zu amüsieren. Und das stimmte weiß Gott nicht. Davon hatte sie doch genug und war froh, ein wenig Ruhe zu haben, zusammen mit ihrem komischen alten Unrat, der sich soviel mit ihr befaßte wie sonst noch nie im Leben einer, und der wirklich – sie betrachtete ihn manchmal lange und sinnend – ein feiner Kerl war.
Der Verdacht, den sie fürchtete, war Unrat fremd; er kam nicht darauf.
Andererseits hätte sie dem Gerede der Leute ruhig an seiner Seite trotzen dürfen. Er war stärker als sie meinte. Es traten an ihn Anfechtungen heran, die er überwand, ohne ihr auch nur davon zu reden. Das meiste geschah in der Schule.
Hier wußte, dank Kieselack, jedermann Bescheid über Unrats außeramtlichen Lebenswandel. Einige jüngere Oberlehrer, noch im Zweifel, welche Gesinnung ihre Karriere mehr befördern könne, wichen ihm aus, um ihn nicht grüßen zu müssen. Der junge Oberlehrer Richter, der seine Augen zu einem Mädchen aus reicher, Oberlehrern sonst unzugänglicher Familie erhob, grüßte ihn mit mokantem Lächeln. Andere aber verleugneten ausdrücklich jede Gemeinschaft. Einer sprach vor Unrats eigener Klasse von »sittlichem Un–, vielmehr Kot,« von dem die Schüler sich nicht ergreifen lassen sollten. Es war derselbe Oberlehrer Hübbenett, der sich seinerzeit über Unrats Sohn und seine sittlichen Verfehlungen abfällig geäußert hatte: auch damals vor des Vaters Klasse.
Wenn jetzt Unrat den Schulhof betrat, schrie, während der beaufsichtigende Lehrer angewidert wegsah, alles drauf los:
»Oho! Hier riecht es nach sittlichem Unrat!«
Der alte Professor näherte sich, der Lärm schwoll, unter Unrats giftigem Schielen, allmählich ab; dann stellte an seinem Wege sich Kieselack auf und versetzte mit einem Senkblick, langsam und nachdrücklich:
»Vielmehr Kot.«
Und Unrat schlich zusammenzuckend weiter; er konnte es Kieselack nicht beweisen.