»Nur einen gibt es, den könnte ich dir nie verzeihn, dessen mußt du dich – traun fürwahr – enthalten, den darfst du niemals wiedersehen. Das ist Lohmann!«
Sie sah ihn erschöpft, voller Schweißtropfen, und begriff es nicht, weil sie nichts wußte von dem quälerischen Bilde, das ihn einmal überwältigt hatte – Lohmanns Bild mit ihrem.
»Ach ja,« äußerte sie. »Auf den bist du immer so wild gewesen. Du wolltest doch Wurst aus ihm machen. Sollst du auch, mein Unratchen, sei man wieder gut. Mir sagt so'n dummer Junge gottlob gar nischt. Wenn ich dir das bloß klarmachen könnte. Aber da gibt's auch nischt was hilft. Man möchte weinen.«
Und sie hatte in Wahrheit Lust dazu: weil sie durchaus keinen Glauben fand in betreff ihrer Herzenskühle gegen Lohmann; und weil sie ganz im Hintergrunde ihres Herzens etwas Lohmann Angehendes ahnte, das ihr die Glaubwürdigkeit eigentlich genommen hätte; und weil Unrat, das dumme alte Kind, so oft und so ungeschickt daran rührte; und weil es im Leben sichtlich den Frieden nicht gab, den sie sich sehnlich wünschte.
Aber weil Unrat die Herkunft ihrer Tränen nicht verstanden haben würde, und weil sie die Lage nicht unnötig verwickeln wollte, versagte sie sich das Weinen.
Übrigens kam jetzt eine schöne Zeit. Sie gingen zusammen aus und vervollständigten Einrichtung und Ausstattung der Künstlerin Fröhlich. In Toiletten aus Hamburg saß sie fast jeden Abend in einer Loge im Stadttheater, und Unrat, an ihrer Seite, empfing mit einer hinterhältigen Genugtuung alle die neidisch-entrüsteten und übelwollend-begehrlichen Blicke, die herüberkamen. Nun ward auch das Sommertheater eröffnet, und man konnte sich, mitten unter die wohlhabende und ehrbare Gesellschaft, in den Garten setzen, Butterbrot mit Lachs essen und sich freuen, daß es einem nicht gegönnt ward.
Die Künstlerin Fröhlich trug kein Bedenken mehr, Unrat den feindseligen Einflüssen auszusetzen. Die Gefahr war überstanden, er hatte ihretwegen seine Entlassung auf sich genommen samt der allgemeinen Ächtung.
Es war ihr anfangs ein wenig unheimlich dabei zumute gewesen. Wie grade sie dazu käme, meinte sie im stillen, daß einer sich ihretwegen so viel auf den Hals lüde. Zunächst zuckte sie die Achseln: »Die Männer sind nu mal so.«
Allmählich sah sie ein, daß er recht gehabt hatte, und daß sie dies und noch mehr wert sei. Unrat wiederholte ihr so standhaft, wie hoch sie stehe und wie wenig die Menschheit ihren Anblick verdiene, daß sie endlich anfing, sich selbst sehr ernst zu nehmen. Es hatte sie noch niemand so ernst genommen, und darum auch sie selbst sich nicht. Sie war dem dankbar, der es sie lehrte. Sie fühlte, daß sie sich bemühen müsse, ihrerseits den Mann recht hoch zu schätzen, der ihr eine solche Stellung anwies. Sie tat mehr: sie strengte sich an, ihn zu lieben.