Die Abreise aus dem Seebad erfolgte nicht ohne einen lebhaften Zwischenfall. Am Bahnhof war die ganze »Rotte Unrat«, und der Brasilianer hatte grade erst einige Worte mit der Künstlerin Fröhlich beiseite sprechen können, da keuchte hinkend ein alter Herr herbei, der Makler Vermöhlen, zu dessen Familie der junge Fremde zählte, und versuchte seine Hand auf das Etui in den Händen der Künstlerin Fröhlich zu legen.

Sie hatte es soeben in aller Form von dem Brasilianer geschenkt bekommen. Unrat mußte herzu eilen und die Rechte seiner Frau wahrnehmen. Während der junge Mann, voll Scham, seine ganze Verwandtschaft verleugnete, hielt der alte Vermöhlen in großer Erregung dem Ehepaar Unrat vor, daß sein Neffe in ihrer Gesellschaft schon längst seine Mittel überschritten habe. Diese Brosche habe er nicht mehr kaufen können; leider habe seine schwache Tante ihm das Geld dazu gegeben; es sei aber Vermöhlens Geld gewesen, und darum gelte der Handel nicht.

Unrat versetzte dagegen mit zurechtweisender Ruhe, daß das Geld des Herrn und der Frau Vermöhlen wohl sicher eins und dasselbe sei; daß er auf solche inneren Angelegenheiten der Familie Vermöhlen Rücksicht zu nehmen nicht gesonnen sei; und daß übrigens zum drittenmal geläutet werde. Und seine grauen Finger fest um das Etui, schob er die Künstlerin Fröhlich in den Wagen. Alle schwenkten die Hüte, bis auf Vermöhlen, der mit dem Stock drohte.

Die Künstlerin Fröhlich machte zuerst eine verzagte Bemerkung über das Peinliche und über die möglichen Folgen. Unrat klärte sie über die Grundlosigkeit ihrer Befürchtungen auf. Er setzte hinzu, der Makler Vermöhlen habe Söhne, diese seien ehemalige Schüler, und Unrat habe sie nie »fassen« können. Vermöhlens seien verwandt mit vielen Familien der Stadt.

Die Künstlerin Fröhlich hatte sich beruhigt. Sie zeigte die kleinen Brillanten ihrem Kinde, lachte mit ihm und verhieß:

»Die ollen Anhängsel und Feststecksel sind alle für Mimi, wenn Mimi mal erst 'ne Mitgift braucht.«

Unrat frohlockte, weil die Schüler Vermöhlen nun »gefaßt« waren. Allmählich ward er nachdenklich darüber, daß hier Schülern samt ihrer weitverzweigten Familie ein Schaden erwachsen war, der nicht aus Einsperrung ins Kabuff und nicht aus Vertreibung von der Schule hervorging. Schaden und – traun fürwahr – äußerstes Verderben ließen sich also auf andere Weise bewirken als durch Vertreibung von der Schule. Auf neue, unvorhergesehene Weise ...


In der Stadt und in ihrer Villa begann wieder das vorige Leben. Es fehlte an Verkehr. Bis zum Abend, wo man immer ins Theater und ins Restaurant mußte, lag die Künstlerin Fröhlich im Frisiermantel auf allen Möbeln umher. Unrat schlug vor, sie durch Unterricht im Griechischen ein wenig zu zerstreuen. Sie lehnte unbehaglich ab. Eines Abends in einem Lustspiel entdeckte sie in der auftretenden Köchin eine alte Bekannte.

»Das is weiß Gott Hedwig Pielemann, daß sie die hier überhaupt nehmen, die konnte doch nie was.«