Ein anderer Fall entspann sich noch dramatischer. Es war einem der Spieler ein Paket Banknoten, das er vor sich hingelegt hatte, abhanden gekommen. Er erhob ein Geschrei, verlangte, daß die Ausgänge gesperrt und alle Anwesenden durchsucht würden. Die Menge widersetzte sich, man beschimpfte einander, drohte dem Bestohlenen mit Prügeln, und verdächtigte innerhalb fünf Minuten jeden ohne Ausnahme. Unrats Stimme drang, man wußte nicht wie, aus einem Grabe herauf, durch allen Lärm. Er erklärte, die angeben zu wollen, die untersucht werden müßten; ob man sich ihm fügen wolle. Man war neugierig, fühlte sich gedrängt, über allem Verdacht zu erscheinen; man rief ja. Darauf nannte Unrat, den Hals vor- und zurückschiebend, Leutnant von Gierschke, den Schüler Kieselack und Konsul Breetpoot. »Breetpoot? Breetpoot?« Jawohl, Breetpoot. Unrat blieb dabei, ohne sich weiter zu äußern über das, was er wußte ... Und Gierschke, ein Offizier? Das habe nichts zu sagen, behauptete Unrat. Und dem Leutnant, der sich wütend zur Wehr setzte, gab er zu bedenken:
»Die Menge ist gegen Sie und wird Sie entwaffnen. Des Säbels beraubt, möchten Sie denn wohl Ihrer Ehre verlustig gegangen sein und nichts mehr besitzen als eine Pistole, vermittelst deren Sie sich – immer mal wieder – entleiben werden. Da ists, traun fürwahr, lustiger, Sie lassen sich untersuchen.«
Vor diese Wahl gestellt, ergab sich von Gierschke. Unrat hegte nicht den geringsten Verdacht gegen ihn; er hatte ihn nur bezwingen wollen, seinen Stolz in den Staub biegen. Übrigens ward im selben Augenblick Kieselack an einem Fenster festgenommen, wie er das Paket Banknoten eben hinauswerfen wollte. Sogleich verlangte Konsul Breetpoot nachdrücklich Rechenschaft von Unrat. Aber Unrat sagte dem Konsul ganz dicht ins Gesicht und für alle übrigen unhörbar, einen Namen, nur einen Namen; und Breetpoot ward dadurch besänftigt ... Er kam wieder, gleich nächsten Tages, und setzte atemlos. Von Gierschke ließ acht Tage verstreichen. Kieselack zeigte sich noch ein einziges Mal und verspielte einiges. Darauf erschien seine Großmutter bei der Steuerbehörde, wo Kieselack einen kleinen Posten bekleidete, und zeigte an, daß ihr Enkel sie bestohlen habe. Endlich hatte man einen Vorwand, ihn zu entlassen. Wegen des Spielskandals hatte man es nicht gewagt. Der Schüler Kieselack versank auf den Grund. Unrat beging dies festlich, ganz für sich allein.
Er benahm sich im Genuß mit tückischer Trockenheit. Im Gewühl der um die Wette nach dem Bankrott, der Ächtung, dem Galgen Laufenden, schien Unrat, mit eingeknickten Knien und unerschütterlich, ein alter Schulmeister, dessen Klasse in wüstes Toben verfallen ist, und der sich hinter seinen Brillengläsern sämtliche Empörernamen merkt, um später die Zeugnisse zu verderben. Sie hatten der Herrschergewalt sich zu widersetzen gewagt; nun mochten sie, losgelassen, sich gegenseitig die Rippen einschlagen und das Genick umdrehn. Aus dem Tyrannen war endgültig der Anarchist herausgebrochen.
Und er schien eitel auf seinen neuen Zustand, hatte eine offenkundige Vorliebe für sein eigenes Gesicht in seiner jetzigen jugendlichen Färbung. Zwanzigmal am Abend holte er einen Taschenspiegel hervor: der war in eine kleine Büchse eingelassen, mit der Inschrift »bellet«.
Oft gedachte er in dem nächtlichen Lärm, Flitter und Halsbrechen gewisser ehemaliger Nächte. Er war im Café Central verhöhnt worden und schlich nach Haus. Von irgend einer finstern Ecke ward ihm sein Name zugeworfen wie ein Stück Schmutz ... Eine einzige Nacht war's, da hatte er von den Menschen etwas gewollt. Sie sollten ihm sagen, wer die Künstlerin Fröhlich sei, wo sie zu finden, wie es – dies war von höchster Wichtigkeit – zu verhindern sei, daß drei Schüler und unter ihnen der allerschlimmste, Lohmann, ihrer teilhaftig würden. Niemand hatte ihm Rede gestanden. Nichts war ihm begegnet als breites Grinsen an Köpfen, auf denen der Hut fest sitzen blieb. Zwischen den kleinen »Bullerwagen«, die eine steile »Grube« hinunterrasselten, hatte er umherhüpfen müssen, und von lauter hellen Kinderstimmen seinen Namen um die Ohren geschlagen bekommen. Keinen Empörer mehr hatte er, an den erleuchteten Läden hinschleichend, anzusprechen unternommen; er hatte sich die Häuser – die Häuser von fünfzigtausend in Aufruhr begriffenen Schülern entlang gedrückt, mit einem gespannten Gefühl auf dem Scheitel, weil jeden Augenblick, wie ein Kübel Spülicht, aus einem Fenster sein Name kommen konnte! An das Ende der stillsten Straße, tief hinunter zum Stift der alten Fräulein, hatte er sich gerettet vor der nervenzerstörenden Verfolgung, Anzweiflung, Verhöhnung; hatte die Fledermäuse um seinen Hut streichen lassen und noch hier, noch hier auf seinen Namen gewartet.
Sein Name! Jetzt gab er ihn sich selbst; setzte ihn sich auf wie einen Siegerkranz. Einem Ausgeplünderten klopfte er auf die Schulter und sagte:
»Ja ja, ich bin ein rechter Unrat.«
Seine Nächte! So sahen sie nun aus. Sein Haus war das hellste in der Stadt, es war das am wichtigsten Genommene, Schicksalerfüllteste. Wieviel Angst, wie viel Gier, wieviel Unterwürfigkeit, wieviel fanatische Selbstvernichtungswut ließ er nun um sich herdampfen! Alles Opfer, die ihm brannten! Alle drängten sich, sie ihm anzuzünden, sich selbst ihm anzuzünden. Was sie hertrieb, war die Leere ihrer Gehirne, der Stumpfsinn der humanistisch nicht Gebildeten, ihre dumme Neugier, ihre mit Sittlichkeit schlecht zugedeckten Lüsternheiten, ihre Habgier, Brunst, Eitelkeit und zu alledem hundert verquickte Interessen. Waren es nicht Unrats Gläubiger, die ihre Verwandten, Freunde, Kunden herschleppten, in der Absicht, Unrat, ihrem Schuldner, zu Gelde zu verhelfen? Waren es nicht beutelustige Ehefrauen, die ihre Männer schickten, damit sie von dem durch die Luft fliegenden Gelde ihren Anteil herausgriffen? Andere kamen selbst. Unter den Masken, im Karneval, sollten anständige Frauen gewesen sein. Man hatte mißtrauische Männergesichter bemerkt, die nach Gattinnen ausspähten. Die jungen Mädchen wisperten daheim von einem späten Ausgang ihrer Mutter: »nach dem Haus vorm Tor.« Sie trällerten halblaut Bruchstücke aus Liedern der Künstlerin Fröhlich. Die Lieder schwirrten verdeckt durch die Stadt. Das geheimnisvolle Pfänderspiel, bei dem Paare sich auf den Boden und unter eine Decke legten, es machte seinen Weg durch die Familien; es ward gespielt, wenn den mannbaren Töchtern junge Tänzer eingeladen waren; und ein Gekicher ging umher von dem »Haus vorm Tor«.