Nach solchem Zustand ohnmächtiger Bedrängtheit übermannte ihn Mitleid mit sich und mit der Künstlerin Fröhlich. Er verhieß ihr tröstend, daß es nun bald genug sei, und daß sie sich zurückziehen wollten, den Ort verlassen und das genießen, »was sie dir schuldigermaßen haben abtreten müssen.«
»Wie viel meinst du woll, daß es is?« fragte sie abweisend. »Du merkst dir egal bloß, was wir kriegen. Aber was sie uns wieder wegnehmen, is auch nich übel. Unsere Möbel haben sie uns gepfändet, nich? Glaubst du, daß wir für die, die wir jetzt haben, auch bloß eine Rate bezahlt haben? Du schneidst dich eklig, wenn du das glaubst. Uns gehört das Sofakissen da und dann noch der Rahmen von dem ollen Bild: sonst gehört uns nischt.«
Sie war in grausamer Stimmung, überanstrengt durch die Hetzjagd mit Männern; hatte das Amüsante ihres Daseins grade ganz aus den Augen verloren und rächte sich an dem, der der Nächste dazu war. Unrat nahm dies erschütternd wichtig.
»Es ist meine Pflicht, deinem Wohle vorzustehen. Ich bin nicht gesonnen, mich dieser Pflicht nicht gewachsen zu zeigen ... Sie sollen es mir büßen!« setzte er zischend hinzu. Sie hörte gar nicht, sie ging gereizt umher und preßte sich die Hände.
»Du bildst dir woll hoffentlich nich ein, ich mach dies blödsinnige Leben dir zu gefallen mit, und damit du deine Männekens klein kriegst. Nee, wenn nich Mimi wäre – aber für Mimi muß ich verdienen. Daß Mimi mal anders wird als ihre Mama. Ach Gott ...«
Dann ward das Kind hereingeholt in seinem weißen Nachthemdchen; und dann kam eine Tränenkrise. Unrat ließ Arme und Kopf hängen. Er mußte ausgehen, die Künstlerin Fröhlich legte sich zu Bett. Aber bis zur Stunde der Gäste war sie wieder auf der Höhe; und an Unrat machte sie alles wieder gut, sie war zart und freundschaftlich, flüsterte ihm häufig abseits etwas Vertrauliches zu, daß alle sahen, er blieb ihr die Hauptperson; machte sich lustig mit ihm, grade über die Herren, mit denen er sie im Verdacht haben konnte; schmeichelte ihn in die Täuschung hinein, als sei nie etwas Ernsthaftes vorgefallen. Ja, er war, solch ein Stündchen lang, nicht weit von dem Wahn, als habe er alle seine Erfolge ohne Gegenleistung eingeheimst. Er glaubte es ja nicht; aber er hielt sich vor, was ihn denn hindere, es zu glauben, und wo die Gegenbeweise seien. So beglückend war der Rückschlag nach seinen vorigen Qualen.
Eines heitern Tages im Frühling, des ersten heitern nach vielen Seelenkrisen, lustwandelten Unrat und die Künstlerin Fröhlich miteinander zur Stadt. Unrat ruhte sich gerade auf dem Bewußtsein aus, daß sie am Ende doch Verbündete waren: die besten, die einzigen. Die Künstlerin Fröhlich, die mit den griechischen Stunden auch ihren Ehrgeiz, Unrat zu lieben, aufgegeben hatte, schöpfte ihre Selbstachtung und ihren guten Mut aus ihrem ehrlichen Freundschaftsgefühl für Unrat. Darum lächelten sie beide auch nur über Herrn Dröge, den Krämer an der Ecke ihrer Straße, der bei ihrem Vorübergehn seine Ladentür aufriß, mit den Fäusten drohte und etwas Schimpfliches nachschrie. Auch die Obstfrau konnte bei ihrem Anblick nicht ruhig bleiben. Sie hatte Herrn Dröge sogar schon dazu angestachelt, die Mündung seines Wasserschlauches auf den vorübergehenden Unrat zu richten. Solche Zwischenfälle ließen sich bei keinem Ausgang des Ehepaars Unrat mehr vermeiden. Sie schuldeten aller Welt, obwohl sie kreuz und quer mit Geld umherwarfen; und die Lieferanten, die ihnen Kredit nicht gewährt, sondern aufgedrängt hatten, machten den meisten Lärm. Es war die Regel, daß im voraus bezahlte Toiletten aus Paris eintrafen, und daß die im vorigen Monat gegessenen Frühstückssemmeln noch immer nicht ihnen gehörten. Dabei glaubte die Künstlerin Fröhlich zu sparen für ihr Kind, und Unrat für die Künstlerin Fröhlich zu rauben. So oft der Gerichtsvollzieher kam – vergebens kam – herrschte Bestürzung, Wut und Niedergeschlagenheit. Wie hätte man ihn schon wieder voraussehen sollen. Die Künstlerin Fröhlich fand sich längst nicht mehr zurecht in Rechnungen und Schuldscheinen. Unrats beständiger Trieb galt den Verlusten der andern und nicht der Pflege des eigenen Wohlstands. Von der Fäulnis, die sie ringsumher in den Verhältnissen anstifteten, schillerten auch ihre eigenen. Betrogen und ins Dickicht gehetzt, schwindelten sie sich durch, an der Hand der unbestimmten Hoffnung auf einen unwahrscheinlich großen Spielgewinn und auf das endliche Aussterben der Gläubiger. Sie spürten heimlich wohl den Boden wanken und richteten im Davongerissenwerden noch so viel Schaden an wie möglich.
In der Siebenbergstraße war eine Begegnung mit dem Möbelhändler auszuhalten, der behauptete, sie hätten von den noch nicht bezahlten Möbeln mehrere weiterverkauft, und mit dem Gericht drohte. Unrat forderte ihn giftig lächelnd auf, er möge doch nachsehn. Die Künstlerin Fröhlich äußerte:
»Da machen Sie sich man weiter keine Hoffnung drauf. So klug sind wir allein, daß da nischt Gutes bei zu holen is.«