Er sah wieder weg und dachte so sichtlich an etwas anderes, daß sie gar nichts mehr zu sagen wagte, obwohl seine Äußerung sie ein wenig gestochen hatte. Aber er hatte dabei vielleicht nicht mal sie gemeint! So hatte es geklungen.
Lohmann hatte Frau Dora Breetpoot gemeint, und daß er sie so anders wiedergefunden hatte, so anders als das Bild von ihr, das seine Seele mit fortgenommen hatte. Er hatte sie als große Dame geliebt. Sie war die große Dame der Stadt gewesen. Einmal in der Schweiz hatte sie die Bekanntschaft einer englischen Herzogin gemacht, und etwas rituelle Weihe war von dieser Berührung an ihr haften geblieben. Sie vertrat in der Stadt eigentlich die Herzogin. Daß der englische Adel der erste der Welt sei, daran durfte hier niemand zweifeln. Später auf einer Reise nach Süddeutschland war ihr von einem Rittmeister aus Prag der Hof gemacht worden; damals trat die österreichische Aristokratie gleichberechtigt neben die englische ... Wie Lohmann von dem allen sich hatte einschüchtern lassen, es gutgläubig mitgemacht hatte: es war erstaunlich. Es war vor allem erstaunlich, daß das keine zwei Jahre her war. Jetzt kehrte er in die Stadt zurück – sie hatte sich zusammengezogen, als sei sie aus Gummi. Das Breetpootsche Haus war nur noch halb so groß; – und drinnen saß eine kleine Provinzdame. Nicht viel mehr als Provinzdame. Gewiß, sie hatte immer noch den Medaillenkopf der Kreolin; aber im Munde der Medaille die Dialektausdrücke! Die Mode vom Vorjahr, und nicht ganz richtig verstanden. Schlimmer noch, Abstecher ins Persönlich-künstlerische, die mißlangen. Und der Empfang des aus fernen Gesellschaften Wiedergekehrten, als habe er ihr Grüße zu bringen; und der irritierende Anspruch, nicht hier hineinzupassen. Ja, daß ihn das früher nicht irritiert hatte? Zwar hatte er damals kaum ein Wort von ihr erhalten, war kaum bemerkt worden. Er war ein Schüler gewesen. Jetzt war er ein Herr, man kokettierte, man trachtete ihn zu fesseln in dem »Kreis« um die eigene kleine Person herum ... Er war mit Bitterkeit erfüllt worden bis an den Hals. Er dachte an die alte Flinte, die damals immer bereit gelegen hatte, ernsthaft bereit für den Fall, daß er entdeckt ward. Er empfand noch heute melancholischen Stolz auf die Knabenleidenschaft, die bis an die Schwelle seiner erwachsenen Jahre gedauert hatte, durch Scham, Lächerlichkeit, ja ein wenig Ekel hindurch immer noch gedauert. Trotz Knust, von Gierschke und den andern. Trotz der zahlreichen Nachkommenschaft der geliebten Frau. Wie er in der Nacht nach ihrer letzten Entbindung das Tor ihres Hauses geküßt hatte! Das war noch etwas gewesen, davon mußte man zehren. Er erkannte, daß er damals so viel besser gewesen war, so viel reicher. (Wie hatte er sich damals müde vorkommen können. Jetzt war er's.) Das Beste, was er in seinem Leben zu verschenken gehabt hatte, die Frau da hatte es ahnungslos bekommen. Nun, da er leer war, warb sie um ihn ... Lohmann liebte die Dinge vor allem um ihres Nachklangs willen, die Liebe der Frauen nur wegen der ihr nachfolgenden bitteren Einsamkeit, das Glück höchstens der würgenden Sehnsucht zuliebe, die es in der Kehle zurückläßt. Diese kleine schattenlos gegenwärtige Snobdame war ihm schwer erträglich, denn sie entstellte ihm die Wehmut des einst Gefühlten. Er nahm ihr alles übel, auch die Spuren des Verfalls, die sich in ihrem Salon – noch nicht an ihrer Person – verrieten. Er wußte von Breetpoots schlechtem Stande. Welche Lasten von Zärtlichkeit würde ihr das ehemals eingetragen haben von ihm. Nun sah er bloß, wie ihre Bemühungen um Grazie von der um sie her einreißenden Knappheit anspruchsvoll abstachen, und schämte sich im voraus für sie, wegen der etwas würdelosen Gespreiztheit, mit der sie die Armut hinhalten und verleugnen würde. Er war beleidigt, wenn er sie ansah; beleidigt und gedemütigt, wenn er sich klar machte, wie er selbst sich nun innerlich aufführte. Was das Leben aus einem machte. Gesunken war er. Sie war gesunken. Als er ging, fühlte er mit ängstlicher Genauigkeit das Entweichen von Lebensjahren, und daß hier die Tür sich schloß hinter einer Liebe, die so viel gewesen war wie eine Jugend.
Dies war ihm am Morgen nach seiner Ankunft geschehen. Gleich darauf traf er mit Ertzum zusammen, und dann sie beide in der Siebenbergstraße mit den Unrats. In dieser Enge konnte das nicht lange ausbleiben. So kurz Lohmann auch in der Stadt war, er hatte doch schon von ihnen sprechen gehört; und des alten Unrat Taten hatten seine Liebhaberei für menschliche Seltsamkeiten lebhaft angesprochen. Er stellte fest, daß Unrat alles erfüllt habe, was sich vor zwei Jahren in ihm angekündet hatte; eher mehr als weniger. Aber noch großartiger fast erschien ihm die Entwickelung der Künstlerin Fröhlich. Von der Chanteuse des Blauen Engels zur Demi-Mondaine hohen Stils! Denn schließlich, auf den ersten Anblick war sie's. Bei näherem Hinsehn drang dann das Kleinbürgerliche durch. Immerhin, es war alles mögliche, was hier geleistet war. Und die vielen gezogenen Hüte auf dem Wege des Ehepaars! Und all die demütige Begehrlichkeit, wo immer die Künstlerin Fröhlich ihr Parfüm hinwehte! Zwischen ihr und ihrem Publikum, der Stadt, hatte augenscheinlich eine Art von gegenseitiger Beschwindelung stattgefunden. Sie hatte sich als repräsentative Schönheit gebärdet, war allmählich dafür angesprochen worden und hatte es selbst wieder den Leuten geglaubt. So ähnlich mußte es wohl seinerzeit mit Dora Breetpoot zugegangen sein und ihrem Anspruch auf mondainen Chic? Lohmann fand es von prickelnder Ironie, wenn er sich jetzt mit der Fröhlich befaßte. Er konnte ja der Zeit gedenken, wo er Verse gemacht hatte auf beide; wo er, in der Rachsucht seines Leidens, Dora Breetpoot hatte beschmutzen wollen, dadurch daß er, mit ihr im Herzen, den Liebkosungen der andern den Geschmack düstern Lasters zu geben sich vornahm. Laster? Jetzt, da er keine Liebe mehr hatte, begriff er auch kein Laster mehr. Keine Bitterkeit seines Herzens gegen Frau Breetpoot kam Frau Unrat zugute. Nichts würde sich in ihm regen, wenn er mit ihr am Breetpootschen Haus vorbeiging. Er führte einfach eine elegante Kokotte durch die entgötterte Stadt.
Ertzum nahm er dabei lieber nicht mit. Ertzum hatte, sobald er das gute Mädchen zu sehen kriegte, kopflos mit dem Säbel zu rasseln angefangen und eine ganz rauhe Stimme bekommen. Ertzum war imstande, gleich wieder mit schweren Gefühlen loszulegen. Für Ertzum war immer alles Gegenwart – wohingegen Lohmann in der vormittäglich leeren Konditorei, an der Seite der Künstlerin Fröhlich, aus seinem Gläschen, das nie leer ward, nichts anderes nippte, als den nebelhaften Nachgeschmack der Stimmungen von einst.
»Soll ich Ihnen etwas Kognak in die Schokolade gießen?« fragte er. »Das ist nämlich sehr gut.« Dann:
»Was man von Ihnen aber alles hört, gnädige Frau!«
»Wieso?« fragte sie wachsam.
»Nun, Sie und unser alter Unrat sollen ja die Stadt auf den Kopf stellen und massenhaftes Unheil anrichten.«
»Ach das meinen Sie. Na ja, man tut was man kann. Die Leute amüsieren sich bei uns – obschonst ich mich als Hausfrau nich selber loben will.«
»Das sagt man. Auch ist über Unrats eigentliche Beweggründe wohl niemand im klaren. Man denkt, er benutze das Spiel für den Lebensunterhalt. Ich glaube anderes. Wir zwei, gnädige Frau, kennen ihn ja besser.«