Denn was er äußerte, fand sie, wenn ihr’s auch bestimmt noch keiner gesagt hatte, alles ganz vertraut. Es waren Selbstverständlichkeiten, an die sie bisher nicht gedacht hatte. Er selbst — immer näher fühlte sie’s, daß sie ihn schon gekannt habe: seine gewohnte Geste nach den Brauen hin, seinen Träumergang, den Fall seiner Stimme. Ein Weg, den sie durchschritten, konnte sie stutzig machen: „Wann war ich hier?“ Und einmal, wie die Sonne auf eine lange Hecke fiel, erinnerte sie sich plötzlich auf das Dringlichste einer Landschaft, die sie irgendwann einmal im Traum gesehen haben mußte: darin war alles dämmerig und nur eine Reihe von Büschen grell beschienen gewesen, und es war genau diese gewesen.

Was zwischen ihnen vorgehe, quälte sie nicht mehr. Sie lächelte, als er sagte:

„Wenn irgend Aussicht gewesen wäre: in Sie hätte ich mich sehr verlieben können.“

Sie wußte, er verstecke sich. Aber das alles hatte Zeit . . . Und inzwischen genossen sie ein pflichtenloses Gefühl der Zusammengehörigkeit inmitten Fremder. Ihre Geister rührten bei einander an alles; sie suchten in jeder Erde nach Edelsteinen und waren froh, wenn sie auf einen Kiesel stießen, an dessen Gleichen sie sich beide schon einmal verwundet hatten.

IV

Da, eines Abends, hatte Lola gleich beim Betreten des Eßzimmers die Empfindung, am Tisch sitze einer mehr; — und noch bevor sie ihn herausgefunden hatte, schnellte jemand empor, und machte eine ausdrucksvollere Verbeugung, als sie seit Wochen zu sehen bekommen hatte. Sie erschrak.

„Conte Cesare Augusto Pardi aus Florenz, mein Vetter,“ sagte die Baroneß Thekla. „Er hat uns überrascht.“

Lola faßte sich und lächelte ein wenig spöttisch. Sie dachte: „Die Art ist also inzwischen noch nicht ausgestorben?“ Dann wandte sie sich an Arnold. Aber es störte sie, daß niemand sprach als der Italiener und Mai. Glücklich zwitschernd flog Mais Stimme um den Tisch; endlich hatte sie wieder jemand, mit dem sie sich geläufig verständigen konnte. Alle sahen ihnen suchend auf die Münder: es ging viel zu rasch; und Lola mußte mitten aus ihren Worten an Arnold, die stockten, hinüberhorchen. Diese anbetende Stimme, die einen einwickelte! „Merkwürdig, daß ich das vergessen hatte!“ Ohne hinzusehen, wußte sie sein schmelzendes Lächeln. Brauen in einer graden Linie, Wimpern, die schwarz herausstachen aus dem lebenglühenden Marmorgesicht, und rot und dick darin aufbrechend die Lippen: Alles hatte sie vor sich, nun sie die Stimme hörte. War’s etwa nicht so? . . . Und kaum daß ihr Kopf eine Viertelwendung machte, griff der Italiener zu.

„Gnädiges Fräulein, Ihre Mama und ich entdecken eine Menge gemeinsamer Bekannten . . .“

Lola erinnerte sich einiger, aber ohne Begeisterung; und mit Geringschätzung sah sie sich dazu das süße Spiel seiner Augen an. „Mach nur deine Mätzchen!“ Gugigl warf ironische Blicke dazwischen; plötzlich schnitt er ein Gesicht und fragte, ob die Rede von Zuckerwerk sei. Die Damen kicherten. Pardi hatte nicht verstanden. Er blieb süß; und doch ging in seinem Lächeln jäh ein Hinterhalt auf, eine Drohung. Gugigl bekam eine treuherzige Miene. Darauf verbeugte Pardi sich ein wenig, als habe er Genugtuung erhalten, — und wendete sich wieder Lola zu.