Nutini wollte auf die Geldsachen zurückkommen, aber Lola verlangte:
„Lassen wir ihn gehen!“
Sie ertrug es auf einmal nicht mehr, hier draußen, abgesondert von ihm, gemeinsame Sache zu machen mit seinen Feinden, von denen keiner sich an ihn wagte. Auf einmal fühlte sie sich voll Angst: beklommen und gereizt durch all das feindliche, leere Blau um sie her, durch die Gesichter, die sie ansahen. Er liebte Mai: man mußte schnell ans Land, — liebte Mai. Und Mai ihn.
Sie begann Mai neu zu beobachten, mit Blicken, die sie selbst schmerzten, und unter denen Mai sich verwandelte. Ihre liebenswürdigen kleinen Torheiten bekamen etwas Untergeordnetes, ihre Kindlichkeit ward albern. Bei jeder von Mais Äußerungen sah Lola in den Schoß, schämte sich und empfand Genugtuung in einem. „Wie kann man so dumm sein!“ Diese verbrauchten Listen! Daß eine Mutter die Tochter, die sie fürchtete, als Kind behandelte: es war so alt, so alt. Nur ein wenig Geschmack, und man ließ es. Aber Mai wäre, in ihrer Eifersucht, nicht einmal davor zurückgeschreckt, Lola schlecht anzuziehen! Mais Ratschläge empfing Lola nur noch mit Mißtrauen. Einmal machte sie die Probe: frisierte sich absichtlich sehr unvorteilhaft und fragte Mai, wie es ihr stehe. Mai war entzückt: Lola wußte nun Bescheid. Zum Schein ging sie ein Stück mit; — aber unten auf der Treppe blieb Mai stehen, ihr Gesicht war verwirrt und errötet, und sie sagte:
„Laß dich noch einmal ansehen: nein, ich glaube, es geht doch nicht.“
Mais Kampf rührte Lola nicht. Es verdroß sie, daß sie nun weniger harte Gedanken hegen mußte. Sie wollte jetzt wirklich, wie sie war, unter die Leute. Aber Mai flehte und jammerte, bis sie Lola wieder oben im Zimmer hatte und sie eigenhändig, mit eifrigen, reuigen Händen, von neuem frisieren konnte. „Ist es Verstellung? Was hat sie vor?“ dachte Lola und haßte sich selbst dafür. Aber sie konnte nicht dagegen, daß Mais Hände auf ihrem Kopf ihr widerstrebten. Sie konnte nicht hindern, daß Mais Art mit den Männern sie erbitterte, ihr schließlich übel machte. Dieses Schnurren und Schmachten, diese singende, lispelnde Sprechweise, diese seitwärts geneigten Köpfe, unenthaltsamen Blicke, und dies ironische Lächeln einer gedämpften Wollust, womit ein Mann und eine Frau sich verständigten! Und der Mann war irgendeiner, — nicht bloß Pardi: früher auch Deneris, neuerdings auch Botta; und die Frau, das lockende Weibchen, war Lolas Mutter, ihre eigene Mutter! Die Kokotten nebenan mochten dasselbe treiben, und die Aristokratinnen; Lola mochte umringt sein von unreiner Weiblichkeit; — erst in Mai aber bekam sie etwas Groteskes und etwas, das Grauen machte. Eine Mutter hatte nicht das Recht, noch Weib zu sein!
Je länger sie sich hineindachte, um so überwältigender deuchte ihr das Unrecht, das sie von Mai erfuhr. „Als ich sie damals für gefallen hielt, war’s weniger schlimm. Es war wirr wie ein Weltuntergang; es peinigte nicht, denn alles war auf einmal aus; — und es war eigentlich nur, weil ich Romane gelesen hatte. Ich wußte nichts, ich stand draußen. Jetzt sehe ich von innen, wie alles geschieht. Ich liebe einen der Männer, mit dem sie kokettiert: denn so würde sie es nennen, und doch ist es entsetzlicher, als wenn sie ihn mir einfach wegnähme. Dann würde ich mich vielleicht töten! So aber äfft sie, mit allen und ihm, die Liebe nach, die ich fühle, zeigt mir, namenlos verzerrt, was eine Frau ist, macht mir Grauen, daß ich eine bin. Ich liebe einen, mit dem meine Mutter solche Blicke wechselt! Bin ich nicht beschimpft und ganz beschmutzt durch das, was ich in mir trage? Ich will nicht Frau sein! Ich will nicht lieben!“
Sie machte sich jungfräulich steif, hörte von den Reden weg, die auf allen Wegen zur Liebe glitten, und verlangte, daß man in ihrem Dabeisein von ernsten Dingen spreche.
„Ich begreife nicht, daß man hier in einer Gesellschaft von Männern und Frauen sich immer nur miteinander, nie mit unpersönlichen Fragen beschäftigen kann.“
„Ja, Sie sind eine Amerikanerin,“ sagte Cavà . . . Lola sah von allen Seiten Komplimente für die Amerikanerinnen kommen, fiel nervös ein und erklärte die Stellung der Frau in Italien für unwürdig und vollkommen veraltet.