„Contessa, man sieht Sie wenig. Wieder die Nerven? Sonderbar, daß Sie unser Klima nicht vertragen . . . Aber Sie wissen doch, daß Ihr Gatte dem Brocca hunderttausend Franken abgewonnen hat? Gestern nacht. Und dem alten Geizhals geschieht recht. Jetzt ist’s an ihm, die Taschen aufzuknöpfen. Vor kaum acht Tagen hat er Ihren Gatten wegen lumpiger Fünftausend auf offener Straße bedrängt. Er soll unhöfliche Ausdrücke gebraucht haben, — und Pardi sah die Damen Vitali kommen. Ein Glück, daß er Geistesgegenwart hat, Ihr Gatte. Wenn der Alte schrie: ‚Das ist nicht ehrenhaft!‘ fragte Pardi: ‚Sagten Sie ihm?‘ ‚Spielschulden zahlt man oder man wird ausgestoßen.‘ ‚Sagten Sie ihm?‘ So haben die Damen geglaubt, man spreche von einem dritten. Ah! Ihr Gatte, Contessa: der erste Herr von Florenz!“
Sie fingen an, ihr Winke zu geben. Solange sie Valdomini bevorzugt glaubten, hatten sie Pardi geschont. Jetzt, da wieder jeder sich Hoffnungen machte, gaben sie ihr zu verstehen, daß sie einen Liebhaber brauchen, ihn bald schon wegen ihrer Modistin und ihres Blumenhändlers brauchen werde. Lola erfuhr von jedem Pachthof, den Pardi verkaufte. Sie ward darüber aufgeklärt, daß das Schloß San Gregorio, als sie den vorigen Sommer darin gewohnt habe, nicht mehr Eigentum ihres Mannes gewesen sei; er habe es ihr gemietet; — und sie mußte es glauben, wenn sie sich die Vorbereitungen zurückrief, die er damals nötig gehabt hatte. Sein Untergang kündigte sich ihr manchmal greifbar an. Eines Abends fehlte, als sie ihn bestellte, ihr Wagen. Er sei zerbrochen. Tags darauf erschien der junge Vitali und pries sich glücklich, ihr den Wagen zurückzubringen; Pardi habe ihn verloren und wiedergewonnen.
Ein Augenblick völligen Geldmangels. Aber wäre sein Spiel selbst immer glücklich gewesen: gleich hinter ihm stand die Sarrida und verlangte mehr. Man hatte dafür gesorgt, daß Lola auch sie sehe. Auf der Bühne der Alhambra, unter dem Licht tausend begehrlicher Augen wendete das götterähnliche Tier sein nur mit Juwelen bekleidetes Fleisch langsam hin und her, gab ihm alle Stellungen der Wollust, zeigte es Begierde dünstend, wie eine Himmlische, die zu den Männern der Erde herabsteigt, und Sattheit atmend, wie eine lagernde Kuh. Abseits saß Pardi; seine drohenden Augen beherrschten die Sarrida und den Saal. Diese Juwelen hatte er zu beschaffen, dies Fleisch zu bewachen. Lola hörte, daß er Duelle habe und Wucherern zufalle. Man sprach von seiner Prügelei mit einem Amerikaner, in der Wohnung der Sarrida. Lola war, sah sie ihn bleich von wütendem Gram, versucht, an ihn hinzutreten und ihm zu sagen, sie wisse wohl, er liebe die Sarrida nicht mehr als jede andere: aber sein Ehrgeiz und seine Phantasie hielten ihn besessen, zwängen ihn, sich zu behaupten gegen Jüngere und Reichere, legten ihm wieder einmal ein sinnloses, verkommenes Heldentum auf. „Sei sicher,“ hätte sie gern gesagt, „von allen bin noch ich es, die dich am besten zu würdigen weiß.“ Von der Höhe ihres entfleischten, hoffnungslosen Leidens bemitleidete sie sein einfach sinnliches, das ein hoher Haufen Metall hätte stillen können. Sie verhandelte mit den Gläubigern, die hereindrängten, half an den lautesten Forderungen mit ihrem Gelde vorbei, suchte aus der Wildnis von Zetteln auf seinem Schreibtisch seine Lage zu verstehen.
Paolo schickte etwas; und sie betrat Pardis Arbeitszimmer, hob eine handvoll Papiere auf und mischte einige Banknoten darunter: er würde vielleicht glauben, sie hier vergessen zu haben. Da blieb ein Blatt ihr zwischen den Fingern, ein Brief — mit einer Schrift, die sie im Leben drei oder vier Mal gesehen hatte und doch in jedem Zuge kannte: Mais Schrift. Am Schluß die Adresse eines Hotels in Genua. Lola hatte von Mai seit ihrer Abreise nach Amerika keine Zeile bekommen; und was hatte sie Pardi zu schreiben gehabt? Die vierte Seite enthielt Danksagungen für ein empfangenes Glück. Für welches? Dann Lolas Namen.
„Sei gut mit ihr, so werde ich nicht bereuen, was ich für dich getan habe!“
Lola wandte den Bogen; oben trug er: „Mein Geliebter!“
Alles in ihr stand still. Sie war vor sich selbst erschrocken, vor der, deren Geist die beiden Worte wiederholt hatte. Zögernd weiter: — sie warf den Brief hin und sagte laut:
„Er war ihr Geliebter.“
Sie fiel auf einen Stuhl und hielt sich die Ohren zu.