An den Mauern klebten riesige Zettel, weiße, rote und gelbe; dahinten auf dem Platz vor der Brücke drängte es sich, unter Fahnen, bei einer Schenke; und wie vor Lola die Gasse sich öffnete, deuchten Brücke und Ufer ihr munterer, weiter und heller als sonst: als sei der erste Frühlingstag aufgegangen.

Die bei der Schenke fuchtelten vor roten Plakaten und schrien jedem, der kam, den Namen des Sozialisten Ricchetti ins Gesicht. Zwei Arbeiter sahen Lola entgegen, und wie sie vorbeiging, seufzte der eine:

„Ah! die Frauen.“

Sie war erkannt; Rufe stiegen aus dem Haufen:

„Nieder mit Pardi!“

„Aber es lebe die Contessa!“ schrie der Arbeiter.

Die Brücke entlang dufteten Veilchenkörbe in der Sonne. Drüben am Fluß hin, zwischen den Wagen und den Plakaten, über den Köpfen derer, die, Zeitungsblätter in den Händen, aufeinander einredeten, schwankten die Veilchen. Mädchen mit Veilchen am Hals störten im Vorbeigehen mit ihrem Duft aus Frau und Blume ganze Rotten Politisierender auseinander, und der Eifer der Gesichter zerteilte sich zum Lächeln.

Die lange offene Säulenhalle der Uffizien toste von Volk. Es spritzte seine Wellen die Säulen hinan: auf den Sockeln, den Schranken wiegten sich stürmisch junge Leute, streckten die Arme über die heraufgewendeten Gesichter aus und redeten. Andere Studenten, Kokarden an den Hüten und die Taschen voll Zeitungen, legten Hand an die Wähler, hängten sich in den Arm ländlicher Bürger, die noch abwarteten, setzten mit dem Feuer ihrer Mienen endlich auch die der Männer in Bewegung, — und die weißen Hände lagen in den braunen. Plötzlich flogen alle auf, um zu klatschen. Von da vorn stürmte Händeklatschen beflügelt herbei. Hinten klatschte man im Galopp und strebte hervor: was es sei, das man beklatschte. Der Alte Palast der Republik schob seinen Turm ins Blaue hinaus, als reckte sich der Hals eines großen alten Wächters voll drohender Ruhe; und auf seinem greisen Profil erblaßte die Sonne. Gegenüber, unter dem Bogen der Bilderhalle, sah Judith, klein und furchtbar, auf den Kopf dessen, an dem sie ihr Volk gerächt hatte. Und zwischen dem Wächter und der Heldin leuchteten auf einmal drei rote Mützen auf. „Garibaldiner!“ Die Menge schlug ihnen entgegen eine einzige Woge. Man führte die drei Alten ihr zu, ihren tausend Armen zu, ihren tausend zum Jubeln offenen Gesichtern. An allen Festtagen begegnete man ihnen: heute aber wollte jeder das rote Wollhemd dieser armen Leute berühren, als gäbe es Kraft; und ihre altersbleichen, altersernsten Mienen waren umsprüht von Liebesblicken. Eine Frau küßte den einen. Das Volk klatschte. Es klatschte, als die drei vor ihm ihre Köpfe entblößten. Man sah sich an, man sah einander weinen.

Lola spürte Tränen; — und da traf sie die Augen eines berußten Menschen und fand sie voll Stolz. Welche Feier! Ein Volk rief sich, irgendwie dazu eingeladen, die Größe seiner Väter zurück, besann sich, beim Anblick der Größe von Niederen, auf sich selbst. Bis in die ältesten Tage erkannte es an den Wahrzeichen sich selbst, und seine eigene Unendlichkeit erschütterte es. Lola atmete tiefer in dieser bewegten Luft: bewegt von der ungeheuren Güte der Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu reifen, Frieden zu verbreiten. Sie fühlte es wie eine Hand, die sie befreien wollte: auch sie. Allem Volk sollte sie gleich werden, sollte erlöst sein. Ringsum sahen alle sie frei und derb an, ohne Vorbehalt, ohne jede höfliche Fremdheit. Sie war keine Fremde; sie war eine Frau wie die anderen; wie die Mädchen mit den Veilchen unter der Wange, konnte jeder sie begehren.

Da erinnerte sie sich, wie einst, vor Jahren, Arnold in seiner Einsamkeit und auszehrenden Geistigkeit ihr von Menschennähe, vom warmen und tätigen Bündnis mit Menschen vorgeschwärmt hatte; — und ihr innerer Flug brach ab, und sie fühlte sich zu Boden geschlagen. Was er erlebt hatte, erlebte auch sie. Nur ihm glich sie, und sie konnten einander nicht helfen, und sie schleppten einander nach. Stand er nicht dort im Hintergrunde der Halle? Eine Sekunde hatte sich der Wald von Köpfen vor seinem Gesicht geöffnet. Dort schwärmte er nun wohl, wie sie geschwärmt hatte. Aber er ließ sie des anderen willenlose Sache sein und mit dem anderen untergehen. Sie sah bitter fort. Er konnte nichts für sie tun; denn er sah zu tief — gleich ihr selbst. Sie kannten einander: so sehr, daß sie sich fast schon verloren hatten. „Habe ich diese ganze letzte Zeit je an ihn gedacht? Wir lebten zusammen immer nur wie auf einem anderen Stern, und ich stecke jetzt so angstvoll tief im Irdischen. Habe ich neulich seinen Brief gelesen? Vielleicht; aber ich weiß nicht mehr, was er schrieb. Es war keine Zeit dafür . . .“