„Daheim auf der Großen Insel war’s das Schönste, wenn das Meer leuchtete. Ach nun weiß ich wieder: mein Großvater zündete viele Papierröllchen an und schoß sie in weiten, leuchtenden und zischenden Bogen über das Meer.“

Der junge Mann lachte kindlich und sprach von seiner Meerfahrt, derselben, die einst auch Lola gemacht hatte. Ob sie sich nicht jenes Inselkönigs erinnere, den man für zwei Franken sehen konnte. Abwechselnd riefen sie zurück, was ihnen beiden begegnet war; und bei jedem Zusammentreffen ihrer Erlebnisse durchrann Lola der Schauer des Vorherbestimmten.

„Gleich wird der Mond aufgehen,“ murmelte sie, mit süßer Angst. Jenes Kinderglück auf der Großen Insel bewegte sich leise unter allen ihren Einfällen; und die heimliche Gewißheit, nie werde es wieder so gut werden, ließ sie, sie wußte nicht warum, von erlittenen Schmerzen sprechen, von ihrer Einsamkeit, von der Müdigkeit, die in ihr zunehme. Schweres Drängen nach Gemeinschaft, nach Menschennähe zitterte in ihrer Stimme und machte ihre Arme flugbereit: bereit um einen Nacken zu fliegen.

Er sah sie mehrmals unruhig von der Seite an.

Plötzlich: „Woran denken wir?“ — mit einer Bewegung, die er sofort zurücknahm. Aber sie war nun wieder erinnert, daß er sie haben wolle und nichts weiter; daß sie nicht seine Gefährtin sei, nur eine Geliebte; daß irgend eine der flüchtigen Begierden, in deren Wirbeln sie dahinlebte, sie an diese Stelle geweht habe und die nächste sie weitertreiben werde; und daß alles dies nicht mehr sei als ein heißer Windstoß über die nackte Haut. Das Entsetzen des Verirrtseins packte sie, und sie wagte sich nicht zu rühren.

Er sagte:

„Ich habe über Sie nachgedacht: ich durchschaue Sie vollkommen. Nehmen Sie gegen Ihre Zustände dies: nie mehr als einen Tropfen und nur wenn sie in Gesellschaft gehen wollen.“

Seine Stimme war ihr nun verdächtig. Unter einem eisigen Mißtrauen zog sie sich innerlich zusammen. Was hatte dieser Mensch mit ihr vor? „Noch niemand hat Gutes mit mir vorgehabt!“ Er war ein Feind. „Mein Gott, in wessen Gewalt bin ich geraten!“ Sie stieß zurück, was er ihr hinhielt. Er bemerkte plötzlich ihre Veränderung, bereute ungestüm, an Schwärmerei und Regungen der Güte eine gelegene Zeit vergeudet zu haben, und tat einen harten Griff nach ihr. Sie wich aus, bückte sich und entkam in die Finsternis der Steige. Der Mond war nicht aufgegangen.

Sie stieß auf die Treppe, stürzte vorwärts, durch das Netz der leeren Gassen, immer darauf gefaßt, die Schultern unter seiner zufassenden Hand zu ducken. Drunten auf dem weiten, grellen Platz schien ihr der Anblick einiger Bummler unbegreiflich, ein rettendes Wunder. Alles hatte sich doch schon aufgelöst, alles war doch schon verloren gewesen. Sie sprang, noch fliegenden Atems, in einen vorüberfahrenden Wagen. Während der Fahrt erlebte sie immer aufs neue den Augenblick, als er nach ihr griff. Sie wand sich vor Angst und Haß.

Wie sie in ihrem Zimmer das Licht aufdrehte, stand vor ihr im Spiegel der elegante, selbstsichere junge Mann, den sie, schien es, hier zurückgelassen hatte. „Was ist seither aus mir geworden! Mein Gott!“ Sie ließ sich in den Sessel fallen und weinte.