Mai war mit ihrer neuen Umgebung versöhnt. Alles regte sie an: die sonderbaren Gesänge; der komische alte Herr mit den Krumen in den Brauen, der aus dem Zimmer ritt; die vielen Scherze, das viele Hinundher; das unglaubliche Essen und dieses Bier, das schließlich nicht so übel war; die phantastischen, gutgelaunten Menschen, die wohl zu ihren Ehren etwas aufführten, im Lichtkreis dieses bizarren Raumes, in dessen Schatten Heiligenbilder mit unbegreiflichen, noch nassen Klexereien wechselten, unter dessen Decke Tabaksqualm hinzog, und zu dessen engen Fenstern der Garten feucht und kühl hereinduftete. Mai lugte aus der Tür. Tini schoß an ihr vorbei, in den Regen, zum Briefkasten. Mit leeren Händen aber nicht trauriger als vorher, kehrte sie zurück. Da wagte sich auch Mai auf die Veranda, hörte erstaunt das weite, regnerische Dunkel rauschen und hinter sich das bunte Gejauchze, — und lief, mit plötzlicher Lust, in die Hände zu klatschen, entzückt von Abenteuerstimmung, wieder hinein.
„Sieh nur!“ flüsterte sie Lola zu. „Sind sie schlecht angezogen, und dabei so unterhaltend!“
Lola unterhielt sich wenig. Alles erschien ihr anspruchsvoll, gemacht und ärmlich. Sie wünschte sich aus dieser geschminkten Bauernstube nach dem Café in Barcelona, zu der Gelida, Da Silva und dem natürlichen Pathos des Dichters, der Verse sprach. Gwinners Witze klangen daneben hektisch. Frau Gugigl machte ihr Scham: sie hatte die Vordringlichkeit einer kürzlich Freigelassenen, und die Männer sahen ihr zu wie einem Spielzeug, das allein durchs Zimmer laufen durfte.
Gwinner hatte auch in Tinis Hand die Zeichen gedeutet, und ersuchte Arnold um die seine. Sie lag auf dem Tischrand; Arnold selbst betrachtete sie unschlüssig, und auch Lola sah sie an. Sie strafte die mühsam angespannte Haltung seines Körpers Lügen. Sie war weich, leidend; die geschwollenen Adern machten sie molluskenhaft und charakterlos . . . Arnold gab sie hin. Gwinner suchte mit einem vieldeutigen Lächeln in ihren Linien umher, wendete sie, blinzelte über sie weg. Frau Gugigl zu.
„Bei Ihnen steht noch gar nichts fest. Alles unentwickelt. Sie sind noch sehr jung. So jung!“ Gerührt und höhnisch. „Wie alt sind Sie denn?“
Lola horchte auf. Wahrhaftig, er anwortete.
„Zweiunddreißig.“
„In Wirklichkeit sind Sie viel jünger:“ und mit ruhiger Geringschätzung ließ Gwinner die Hand fahren. Arnold lachte mit, mußte Tinis verachtenden Augen ausweichen, sagte ein paar matte Worte und setzte sich in den Schatten.
Gugigl entdeckte in der Zeitung, daß ein alter, berühmter Maler seine Frau verloren habe. Die Baroneß Thekla wußte, daß die Gatten schlecht miteinander gestanden hatten; und sogleich warf Gwinner sich auf das Parodieren der Traueranzeige.
„Mit dem Tode meiner Frau trifft mich kein Schlag: nur sie hat er getroffen . . . Oder: der Tod meiner lieben Frau ist ein Schmerz für mich, aber ein unverhoffter . . . Oder: Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, durch den Tod meiner lieben Frau mich von langem Leiden zu erlösen . . .“