„Kennst du die Geschichte, Fieke?“ fragte er.
„Welche denn?“ fragte sie.
Er legte den Finger an die Nase, stieg einen Ast abwärts und erzählte: „Es war mal ’n Schäfer, der mochte sich nicht gern rühren. Und er lag am liebsten unterm Baume im Schatten. Und einmal lag er unter einem wilden Feldbirnbaume, der Schäfer, und hatte seinen Holster, der voll gestopft war mit Wurst und Schinken, an einen Zweig gehängt, seinen Holster, der Schäfer. Ja, und wie er so ’ne Weile dagelegen hatte, da fing er auf ’nmal an zu heulen und heulte immer zu, der Schäfer. Und sein Hund heulte zuletzt auch mit, dem Schäfer sein Hund. Ja. Und da kamen Leute vorbei und wunderten sich, die Leute, daß der Schäfer und sein Hund so heulten, der Schäfer und sein Hund. ‚Ach Gott,‘ riefen sie mitleidig und blieben stehen, ‚ach Gott, Schäfer, was heulst du denn so!‘ riefen sie, die Leute. ‚Ach,‘ antwortete er da und schnuckte ordentlich wie ’n Kind, der Schäfer, ‚och, ich habe ja so ’n großen Hunger.‘ ‚Och lieber Gott,‘ sagen da die Leute und legen die Taschen ab und nötigen: ‚Dann komm’ doch nur erst gleich her, wir wollen dir was zu essen geben,‘ sagen die Leute. Aber da räkelt sich der Schäfer auf der Birnbaumwurzel und antwortet: ‚Och, wenn ich erst aufstehen wollte, dann brauchte ich ja nur nach meinem Holster zu langen, da ist noch genug Brot und Schinken drinne, in meinem Holster,‘ sagt der Schäfer.“
Das Mädchen lachte hell auf. „Nein, Steffen, so ’ne Geschichte! Die paßt aber auf unsern Schäfer gar nicht. Nein, der räkelt sich nicht auf der Birnbaumwurzel. Vorige Woche hat er uns ’n wunderschönen Schöttelkranz[18] gemacht, gerade so, wie ich ’n schon lange haben wollte; und diese Woche schnitzt er uns ’ne neue Krüselstange, mit Sternen und Kränzen daran und einem Engel, der unterm Himmel hinfliegt! Nein, Steffen, der ist nicht so ’n Faullax wie dein Schäfer.“ Und hinterdrein sang sie:
„Ein Schäfer fährt morgens mit Sorgen schon früh
Seine Schafe zur Weide, hat niemals keine Ruh.
Des Abends spät schlafen, des Morgens früh auf,
Die Sorgen am Morgen, die wecken ihn auf.
Keine Rose ...“
Hier brach sie ab, als hätte sie sich auf die Zunge gebissen.