»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes Gnade, geht’s ihm auch wohl. – Er kam in diese Einsamkeit in großer Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch. Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt’ er zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär’ ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt’ er sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem Anblick;
denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung.
So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh’ es auch irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem erweckt’ ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! – Denn wie das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an einer wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben.
Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden, die ich aussprach. Allgemach gewöhnt’ ich ihn daran, Euch im Kloster zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des weltlichen Lebens Sorg’ und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht’ ihn dahin, ein Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen Werke in die Gelassenheit,
die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht trostvoll.
Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja, sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. – Wenn er Euer gedachte, geschah’s mit Wehmuth, aber ohne nagende Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub zuletzt an zu gedenken: es möcht’ ihm bescheert sein, Euch wiederzusehn.
»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen Herzens, so wollt’ ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn noch einmal zu sehen – nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es Abend
würde, müßt’ es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich lauschte unterm heil’gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme – gewiß, ich hörte sie bald heraus – oder käme leise heran und sähe ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren und eine Blume auf’s Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn er erwachte, säh’ ich ihn froh erstaunen über die Gabe – und lächeln!«
Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng. Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief er, »’s ist nicht vom Dolch, den ich zückte – Joconda, fliehe nicht! – Es ist eine Rose – Komm – er ist glücklich – unser Sohn!« – Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken, betete leise: »Gott – Gott! – seufzte und entschlief.«
Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei.