War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen und diese Thäler, wie oft hatt’ ich sie so gesehen! Was nun im Bilde der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich an in der Wirklichkeit?!

Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? – Süßer Name! – Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? – Und doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen, unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen!

Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos, als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt!

Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber!

Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und ungestörtem Frieden, der dann erweckt

ward zu neuem unbekanntem Genieß und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch’ ein Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die Heimath ihm verwandelt schien!

Ich strich mit der Hand über meine Stirn – sie war noch glatt; über die Wangen – sie waren rund und frisch; durch mein Haar – es wehte noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt’ es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend.

Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr.

»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in seiner Heimath?«

Aber wollt’ ich das wirklich? Konnt’ ich auch nur wünschen, daß Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit? War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins mit mir worden war, in die